Es ist nur 1 Tag


 

Auf Facebook ebenso wie in China

 

Irgendwo hacken sie Holz für 1 Feuer, 1 Stern verglüht,

 

1 Wäsche trocknet im Hinterhof als der Regen kommt,

 

in Aleppo tickt die Zeit lauter, wenn es Nacht ist,

 

eine Zeitung schreibt über einen Stau auf der A4 und jemand sagt,

 

in China sei ein Sack Reis umgefallen …

 

(Der Satz „und in China ist ein Sack Reis umgefallen“ wird in Deutschland häufiger ausgesprochen, als in China ein Sack Reis umfällt …)

 

und in Sachsen rufen sie, sie seien das Volk,

 

und Donald Trump sagt etwas, und Frauke Petry sagt etwas, und Horst Seehofer sagt etwas.

 

Aus Leuten, die viel sagen, werden irgendwann Köpfe aus Marmor auf denen Fliegen scheißen,

 

und ein Student wischt die marmornen Glatzen sauber, frei von Fliegenschiss, irgendwo in einer Berliner Eingangshalle eines großen Hauses.

 

Und in China sagen sie, in Deutschland sei ein Laib Brot umgefallen

 

Es ist nur 1 Tag

 

Auf Twitter ist immer high-noon, im Internet, dem Ursprung allen Lebens.

 

Irgendwo hacken sie 1 Baby in mundgerechte Stücke

Und ist nicht irgendwo 1 Spiel?

 

Ist nicht immer irgendwo 1 Spiel, zu dem man sich 1 BierCHEN aufmachen kann, wenn und damit Thomas Müller das Runde in den Winkel des Eckigen von Angela Merkel schießt, und deutsches Bier in deutsche Mägen sickert, wie Jauche ins Grundwasser?

 

Es ist nur 1 Tag

 

Was verloren ist, kommt zurück, wenn du vergessen hast, was es ist. Also sorge dich nicht.

 

Es ist nur 1 Tag

 

Im Leben einer zerhackten Weisheit, die, gefangen im Dickicht der Scham, verloren im Dreck der Selbsterkenntnis, über niedrigen Wolken nistet. Und ist da nicht irgendwo 1 Spiel und 1 Bier?

 

Thomas ist versiert im Umgang mit den neuen Medien, es ist nur 1 Tag.

 

Und Thomas wischt Marie, 29, Architektin, nach rechts. Und Thomas wischt Lea, 23, FH Bielefeld, Fachbereich Gestaltung, nach links. Und Barbara nach links. Und Andrea nach links. Und Valeska nach recht – (bei ihr hat sich Thomas sogar die anderen Fotos noch angesehen). Es ist Liebe. Es ist ein Match. Thomas ist versiert im Umgang mit den Neuen Medien. Die Sozialen Medien sind für ihn kein Neuland.

Es ist nur 1 Tag. Und Thomas schiebt Julia aus Darmstadt nach links. Mareike nach recht, Linda nach rechts, Jeannine nach rechts, Daphne nach rechts, Poseidon nach links. Und Daphne schiebt Herakles nach links, und Herakles schiebt Zeus nach rechts, und Zeus hat Tinder-Plus und wischt Ursula nach links. Und Ursula hat gar kein Tinder.

Und Thomas vermisst Ursula. Und Ursula vermisst Andreas. Und Andreas vermisst Linda. Und Mareike vermisst Darmstadt. Und Thomas vermisst Miriam. Und Darmstadt vermisst Zeus.

 

Es ist nur 1 Tag und Twitter speichert alles: die mutternackten Statuen, die nachts im Park umfallen, die gekachelten Nächte in azurblau – und wie Väter versuchen, durch die Körperöffnungen verschiedenster Frauen zurück in den Leib ihrer Mütter zu gelangen.

 

Es ist nur 1 Tag

 

Selbstgespräche in der U-Bahn, Selbstmordattentate in Bagdad, Umsatzsteuererklärung, ein Schiff in einem Hafen, die Blumen auf dem Balkon im elften Stock,

 

der Kadaver einer plattgefahrenen Taubenmutter auf schimmrigen neuköllner Pflastersteinstraßen und wie ein Stück Taube hängen bleibt an den Rollkofferrollen einer londoner Touristen auf dem Weg zur Air-Bnb-Wohnung.

 

Spatzen auf den Kirchturmdächern, Tauben auf den Straßen, Gott, wie er sich die Fußnägel schneidet – und wie Menschen zu ihm beten in hohen und kalten Kirchen und wie ein Pfarrer das Blute Christi trinkt und wie der Penner am Herrmannplatz eine Flasche Aldi-Wein aufmacht.

 

Ein kleiner Junge allein auf einem Spielplatz. Wind über den kalten Kopf der Karl-Marx-Statue in der Karl-Marx-Allee, ein Kellner, der die Stühle in einem Restaurant zurechtrückt, eine junge Frau, die das Kleingeld in ihrem Portemonee zählt, ein Single, der im Sonnenstudio herumliegt. Ein Stück Fleisch auf der Herdplatte in der Küche einer Einzimmerwohnung, deren Mietvertrag ausläuft.

 

Es ist nur 1 Tag

 

Worte aus dem Mund eines Betrunkenen. Überlebende und Tote an den Stränden von Syrien, Italien, Griechenland, Libanon. Familie Huber, wie sie einen Urlaub bucht.

 

Geldsorgen im Kopf eines Jungjournalisten, der erste Schluck Bier eines Elfjährigen in der Scheune eines kleinen Dorfes in Brandenburg.

 

Der erste Zug an einer Zigarette eines Zwölfjährigen in einem sächsischen Hinterhof. Die kleinen Schreie einer Vergewaltigung in einem U-Bahnschacht in Dalas. Das Lachen von Kindern, die in Oslo im Schnee spielen.

 

Es ist nur 1 Tag. Ordnung und Anarchie. Worte. Chaos und Gaia. Und wie die Hände eines Kleinkindes einen Turm mit Duplosteinen bauen, so hoch, bis er umfällt. Und wie die Hände eines Kleinkindes einen Turm mit Duplosteinen bauen, so hoch, bis keine Steine mehr da sind.

 

Es ist nur 1 Tag. Die Fingerspitzen eines tattrigen Rentners, die versuchen, das Radio lauter zu drehen. Die Abwesenheit von Wohlstand.

 

1 Tag hat 24 Stunden. Wie viele Sätze hat 1 Tag?

 

Ein blonder Dichter wird verrückt. Ein Single verliebt sich auf Paarship.de. Ein Mann kauft Paketband, Terpentin, Draht und Feuerzeugbenzin in einem Baumarkt.

 

Es ist nur 1 Tag.

 

Und Sojamilch, die aussieht wie eine kleine Katze in einer Kaffeetasse auf einem Pariser Boulevard. Und ein Foto von der Sojamilch, die aussieht wie eine kleine Katze in einer Kaffeetasse auf einem Pariser Boulevard auf Facebook. Und ein Foto von der Sojamilch in einer Kaffeetasse auf einem Pariser Boulevard auf Twitter. Wie Peter den tweet retweetet. Wie Marcel den Tweet retweetet. Wie Laura Marcels Retweet retweetet. Gott, wie er sich die Fußnägel schneidet.

 

Es ist nur 1 Tag. Die Aufregung, kurz bevor die Droge zu wirken beginnt. Die Entscheidung, zu schlucken. Die Nervosität, wenn die Pille geschluckt ist. Das Warten auf die Wirkung. Die Frage, ob es schon wirkt.

 

Der Blick eines Bauern in Guatemala in den Himmel. Das Warten auf den Himmel, ob der Regen fällt.

 

Es ist nur 1 Tag. Die Stille der Gedanken kurz vor dem Orgasmus. Die Eizelle. Die Befruchtung. Die Scheidung. Rechtsanwälte mit langen Krawatten und Parfum aus dem DM-Markt. Ein Begräbnis in einem kleinen Dorf bei Reutlingen. Gott, wie er sich die Fußnägel schneidet.

 

Es ist nur 1 Tag. Die Stille der Gedanken kurz vor dem letzten Atemzug, kurz vor dem letzten Herzschlag. Die Stille der Gedanken kurz vor dem Urknall. Dublosteine, die wild verteilt auf dem Fußboden liegen. Ein Kaffee, der kalt wird.

 

Eine Orange, die verschimmelt. Der Körper eines Namenlosen am griechischen Strand, der verwest. Ein Bild, das von der Wand fällt. Eine Bombe, die auf Aleppo fällt. Blut aus der Dusche in einer Hamburger Einzimmerwohnung im siebten Stockwerk. Blut in der Milch eines Vorschulkindes in Turin. Blut im Kaffee eines Angestellten im vierten Stockwerk eines Bürokomplexes in Frankfurt. Milch im Blut eines Kindes im Vorschulalter in Mossul. Kaffee im Blut eines ehemaligen Angestellten im Keller eines Bauernhofes in Homs. Eine alte Frau, die in einer Kirche in Darmstadt zum Gebet niederkniet. Ein Kind, das eine Kastanie aufhebt. Eine Bratwurst in dem Fett des Grills am U-Bahnhof Samariterstraße.

 

Es ist nur 1 Tag.

 

Blut aus den antiken Brunnen in Córdoba und Sevilla. Ein Mann in einem Kaufhof in Braunschweig, der einfach tot umfällt. Die Explosion einer Autobombe in Bagdad. Schweine in einem Stall in Bregenborn, die Blut aus ihrem Trog trinken und davon sterben. Und eine Angestellte in einer Redaktion in Mainz, die sich Wasser für Kaffee aufsetzt. Und das Blut, wie es in einem Westberliner Naturschutzgebiet aus dem Boden kriecht und die Raben, wie sie herbeifliegen und es trinken. Ein Junge und ein Mädchen in Århus: sie küssen sich und schmecken Blut und spucken Blut und fallen tot um. Und die Angestellte in der Redaktion in Mainz, die feststellt, dass aus dem Wasserkocher Blut sprudelt. Und ein schwarzhaariges Mädchen, das sich kurz nach dem Kauf von Rasierklingen in einem Karstadt die Pulsadern durchtrennt. Und Hunde in Altona, die aufeinander losgehen und sich gegenseitig totbeißen. Und Gott, wie er sich die Fußnägel schneidet, abrutscht und sich ins Fleisch schneidet. Und ein Jazzmusiker in Zürich, der Blut in sein Saxophon spukt und sein Publikum, das beginnt, sich gegenseitig zu erwürgen. Und Vater und Sohn in der Badewanne voller Blut. Und die Feuerwehr in München, die den Brand einer Schweinemastanlage mit Blut löscht.

 

Es ist nur 1 Tag. Wer einschläft, wacht nicht mehr auf. Und Beate Zschäpe, die lacht. Frauke Petry beim Oralverkehr. Donald Trump und Hillary Clinton bei Natursektspielen. Horst Seehofer und Angela Merkel in der Sexschaukel. Es ist nur 1 Tag – Die Stille der Gedanken beim Dichten; Wort war am Anfang

 

Am Ende steht der Mensch

 

In seiner Sünde da

 

Und hat nur das Wort

 

Um sich zu erhängen

 

 

Es ist nur 1 Tag.


Rot auf (schönem) Weiß

Schon, als ich die Einkäufe in den Kühlschrank räumte, stand Jana hinter mir. Sie hatte bereits am Morgen durch eine SMS angekündigt, reden zu wollen. Sie sah mich einen Moment lang an und begann das Gespräch: Ich hätte wiedermal die falsche Milch gekauft. Ich entschuldigte mich, versprach, beim nächsten Mal die richtige Mandelmilch zu besorgen – und wusste irgendwie, dass dies nicht Gegenstand des eigentlichen Gesprächs war. Eine neue Mandelmilch zu besorgen sei nicht mehr notwendig, fuhr Jana fort. Ich würde „schnellstbald“ ausziehen müssen.

Das Wort „schnellstbald“ machte mir Sorgen. Eine ihrer Wortkreationen, mit denen ich nicht wirklich etwas anzufangen wusste. Sie habe „jemand Neues kennengelernt“, sagte sie dann und schwieg, weil es endlich ausgesprochen war. Da ich nicht antwortete, fuhr sie fort: Ich müsse das verstehen, sie sei sehr verliebt, sie wollen Kinder und „schnellstbald“ zusammenziehen, er habe sich bereits von seiner Frau getrennt, der Scheidungsanwalt würde da alles weitere klären, es ginge noch um das Sorgerecht für die Kinder, sie würden zunächst einen längeren Urlaub in Thailand ins Auge fassen wollen, sie hätten sich vor drei Wochen beim Yoga kennengelernt, ich müsse das verstehen, mit uns sei es ja schon seit Längerem nicht mehr so gut.

„Ja gut, das verstehe ich natürlich“, sagte ich und setzte mich an den Tisch, um mir ein Brot mit Erdbeermarmelade zu schmieren. Jana setzte sich mit zusammengefalteten Händen an die andere Seite des Tisches und fuhr fort: Ich werde sicher schnell eine neue Wohnung finden, ich dürfe den Hund mitnehmen, den habe sie eh noch nie gemocht, die gemeinsamen Sachen werde man aufteilen, dazu werde man sich etwas Zeit nehmen müssen, ich könnte ja zunächst sicher auch bei meinen Eltern unterkommen.

„Der Hund heißt Charles“, sagte ich. „Und meine Eltern sind bereits verstorben. Ich könnte zu Frank, der hat ein Zimmer frei, glaube ich.“

„Ja, das ist doch gut“, sagte Jana. Die Karten für das Beatsteakes-Konzert nächste Woche könne ich ja bei Ebay verkaufen, oder verschenken, oder mit Frank hingehen, das sei doch eine gute Idee. Sie habe die Beatsteakes eigentlich nie wirklich gemocht. „Wir haben uns vor acht Jahren auf einem Beatsteakes-Konzert kennengelernt“, sagte ich und aß ein Stück von meinem Brot. Jana zündete sich eine Zigarette an und starrte auf das rot-weiß karierte Tischtuch, das wir gemeinsam während eines Urlaubes in Italien gekauft haben. Ich fragte mich, wer von uns beiden es wohl bekommen würde.

„Wir sind seit acht Jahren zusammen“, sagte ich dann. „Ich weiß“, sagte Jana, stand auf und holte sich einen kleinen weißen Teller, dazu Messer und Gabel aus der Schublade. Dann setzte sie sich wieder und sah auf das Tischtuch aus Italien. „Ich finde es gut, dass du das verstehst“, sagte sie nach einer Weile. Sie werde die heutige Nacht übrigens mit Antoni in einem Hotel übernachten, aber ich solle dies bitte nicht Andreas und Maike erzählen, es sei besser, wenn sie es den beiden erzählen würde. Unsere gemeinsamen Freunde würde ich natürlich auch weiterhin sehen können, dies stünde ja jedem frei, ihre Eltern habe sie bereits informiert, sie würden sich sehr freuen, dass ihre Tochter endlich jemanden gefunden habe.

„Wir sind seit acht Jahren zusammen“, sagte ich. „Ich habe die Küche erst vor zwei Wochen gestrichen. Schau, alles schön weiß.“ „Das sagtest du bereits. Und ja, die Küche ist wirklich schön weiß“, sagte Jana und drückte ihre Zigarette aus. Sie wolle mit dem Rauchen aufhören. Und sie habe auch keinen Hunger, sie sei mit Antoni für neun Uhr im Restaurant verabredet. „Ich bin froh, dass es endlich raus ist“, sagte sie dann. „Es hat mich in letzter Zeit sehr belastet.“

Sie nahm das Messer, streckte sich über den Tisch und stach es mir mit einem heftigen Stoß ins Herz. Sie brauchte eine Weile, um mein Herz aus meinem Körper zu bekommen. Um die Kopf- und Halsarterien sowie die obere und untere Hohlvene durchzutrennen, griff sie zur Geflügelschere, die auf der Ablage neben dem Kühlschrank lag und mit der ich noch gestern das Hähnchen zubereitet hatte. Mit dem aufgespießten Herz setzte sich Jana wieder an ihren Platz. Sie könne gut verstehen, wenn mich die Trennung belasten würde. Auch für sie sei es nicht leicht. Daher solle man zusehen, alles „schnellstbald“ durchzukriegen. Ich versuchte erneut, ein Stück von meinem Brot abzubeißen, aber es gelang nicht und ich legte es daher zurück auf den Teller.

Ich sah Jana dabei zu, wie sie mein Herz in kleine, mundgerechte Stücke schnitt. „Wir sind seit acht Jahren zusammen“, wiederholte ich mich erneut. „Und du kennst ihn gerade mal seit drei Wochen“. Es täte ihr sehr leid, sagte Jana und steckte sich ein Stück von meinem Herzen in den Mund. Ich solle es bitte nicht noch schwieriger machen, als es eh schon sei.

Sie kaute mein Herz mit den hinteren Zähnen, als sei es ein blutiges Steak, sehr zäh und ledrig. Ich hatte immer gedacht, mein Herz würde mehr nach Hühnchen schmecken, gut durch und leicht zu kauen, schön zart. Jana nahm eine Serviette und spuckte das angekaute Herz hinein, ich sah sie leicht würgen, einen Brechreiz unterdrücken.

„Entschuldige bitte“, sagte sie. „Schon gut“, sagte ich. Jana stand auf und holte Ketschup und Senf aus dem Kühlschrank. „Das mit uns beiden war es einfach nicht“, sagte sie und tunkte ein Stück meines Herzens in eine Mischung aus Senf und Ketschup. „Das mit uns beiden war es einfach nicht“, wiederholte ich in meinen Gedanken.

Jana würgte das Stück Herz herunter, nachdem sie erneut mehrfach darauf herumgekaut hatte. Erneut musste sei einen Brechreiß unterdrücken. „Entschuldige bitte“, sagte sie erneut. „Ich wollte das alles auch nicht und wünschte, es wäre anders, aber auch du wirst sicher jemand anderen finden. Bestimmt wird es uns möglich sein, Freunde zu bleiben. Anfänglich wird es sicher nicht leicht werden und ich denke, dass Abstand sehr wichtig ist. Aber ich wünsche dir das Beste.“

 

Sie stand auf, nahm den kleinen weißen Teller mit meinem zerschnittenen Herzen darauf und schob es mit dem Messer in den Fressnapf für den Hund. „Tut mir echt leid“, sagte sie und ging aus der Küche. Schon lief Charles herein, strich einmal um meinen Stuhl, ich streichelte ihn kurz, und dann verschlang er mein Herz binnen Sekunden. 


Und draußen die Stadt

 

Langeweile und Erkenntnis sind eines, sind gleich, sind Einerlei, soweit meine Erkenntnis am 1. Advent 2016. Nur eben dieses Problem, dass Langeweile als Untätigkeit, als faul verstanden wird. Den Buddhisten und mich unterscheidet in diesem Moment nichts als die Umgebung, das, was unsere beiden Körper umgibt. Bei mir ist es meine Wohnung, meine, ja meine, die, für die ich Miete bezahle – hier im neunten Stockwerk eines Plattenbaus in Friedrichshain an der Grenze zu Kreuzberg. Der Buddhist, so stelle ich ihn mir vor, Budda selbst, sitzt auf einer Wiese, unter einem Baum, in der Natur. Aber ich bin hier in Berlin, im Staub, im Dreck, im Verkehr, inmitten von Preisen und von Bemessungen, und von zeitlicher Struktur und von Weihnachtsmärkten und von Öffnungszeiten. Solange ich meine Miete noch zahle, beschwert sich niemand, solange kann ich in meinen vier Wänden alles machen, was ich will – und wenn ich nichts tun möchte, gebührt mir diese Freiheit. Wenn du nicht sprichst, mit niemandem, und auch nicht redest, mit keinem, auch nicht über ein Handy oder einen Computer, denkst du auch weniger. Am ersten Tag fällt es dir nicht auf, am zweiten auch nicht. Aber spätestens am dritten Tag merkst du, dass du länger nicht mehr geredet hast, stellst dich vor den Spiegel und sagst „Hallo“. Einfach so, vielleicht als Test, ob es noch funktioniert.

 

Wenn ich das Fenster aufmache, rasen Autos vorbei, ich höre einen Müllwagen, das Rückwärtsfahren eines Lastwagens, ein Kind, Kinder. Ich höre, dass es geregnet hat. Ich höre die Sonne untergehen. Mein Handy ist aus, schon eine Weile. Ich habe es nicht ausgeschaltet, das hätte ich nicht geschafft; ich habe es ausgehen lassen, ausglühen lassen. Mehrfach kamen und vibrierten die Meldungen: Noch 15 % Akku. Noch 7 % Akku. Noch 3 % Akku. Soweit war ich noch nie gegangen, nicht absichtlich jedenfalls. Dann irgendeine Nachricht des Handys, es würde jetzt nur noch das Wichtigste anzeigen oder so, irgendein Energiesparmodus. Es weigerte sich, zu sterben und ich fühlte mich, als würde ich es töten, ich betrachtete es dabei. Schließlich erlosch es mit einem letzten Vibrieren. Ich spürte das Leben, wie es weitergeht. Dann, Stunden oder Tage später, erschreckte mich das Festnetztelefon, denn ich hatte vergessen, dass es dieses gibt. Meine Mutter fragte, was los sei, ich sei nicht übers Handy zu erreichen. Dann sagte sie, ich würde „gammeln“. Aber ich gammele nicht, das klingt, als sei ich nur ein Stück Fleisch. Ich pflege meinen Körper, ich dusche oft, rasiere mich, verwende sogar Deo, obwohl ich nicht vorhabe, die Wohnung zu verlassen. Es ist nicht leicht, Mutter zu erklären, dass alles OK ist, dass es mir gut geht. Das Sprechen fühlt sich ungewohnt an, die Worte wacklig, fremd. Mutter will noch was sagen aber ich lege auf. Ich nehme einen tiefen Teller und gieße das gefilterte Wasser hinein, das ich dann mit einem Löffel aufnehme. Jeder kleine Schluck ist intensiv wie eine Lawine. Manchmal lege ich eine Traube in das Wasser, für den Geschmack. Ich habe mir sogar mal eine Tiefkühlpizza gemacht. Aber ich habe sie nicht runterbekommen, es schmeckt nach Tod, nach Müll, nach Verwesung, nach Falschheit.

 

 

Dann wache ich wieder auf, aus einem Schlaf, ich weiß nicht mehr ob Tag oder Nacht, und verspüre Hunger, mache mir Hafer mit Milch und Früchten. Bald muss ich wieder einkaufen gehen, wie ein Zombie unter den anderen Gehirnlosen durch die Gänge des Supermarkes irren, Produkte zu einem Preis erstehen. Dann habe ich diese Flasche Bier auf dem Bücherregal gefunden. Das Prickeln durch den ganzen Körper, ich war so betrunken, wie vielleicht zuletzt als Erasmusstudent, und gleichzeitig so high, wie zuletzt nur auf der Fusion vielleicht. Ich stellte fest, dass das Besondere am Nichts die Unendlichkeit ist. Alles, was nicht Nichts ist, hat ein Ende. „Und die Wurst hat zwei“, wie es die altdeutsche Philosophie schon richtig ausgedrückt hat. „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“, hätte auch Buddha auf die Frage nach dem Sinn des Lebens antworten können. Doch der Zen-Buddhismus sagt, der Sinn des Lebens läge zwei Meter neben dem Gartenzaun – oder so ähnlich. In Deutschland hätte man daraus wohl auch einen Schlagerhin gemacht und keine Universalphilosophie. Und Hegel sagt, das Nichts beginnt dort endlich zu sein, wo derjenige, der das Nichts erdacht hat, verstirbt. Ohne mich also, denn ich bin endlich, gibt es kein Nichts, sagt Hegel, denn ich, und mit mir jeder andere, hätte bzw. hätten das Nichts erschaffen. Dieses Gedankenkonstrukt des Nichts, es ist schwieriger zu erschaffen als Gedanken an etwas. Aber das Nichts kann man nicht erschaffen, es ist einfach da und man kann in es eintreten, wenn man sich konzentriert, so denke ich und wiederspreche Hegel. Hegel ist nichts und das Nichts ist auch im Nicht-Nichts, also in allem.

 

Das Nichts ist auch in meinem Schreibtisch und in den Wänden und in den Gedanken, es ist immer da. Hegel sagt, das Nichts sei demnach Gott. Also ist es demnach überhaupt nicht möglich, keinen Glauben zu haben, keine Metaphysik, Gott ist also auch da, wenn ich nicht an ihn glaube, denn er ist auch im Nichts. Schwierig ist das alles – und das Nichts ist noch viel schwieriger, denke ich noch und werde wieder nüchterner. Ich stelle das Radio an, das hatte ich mir eigentlich auch untersagt, aber besser, als dem Verlangen nachzugehen, den Computer anzustellen. Aus dem Radio eine Stimme, in meinen Raum, in meinen Körper, in mein Ich, in mein Nichts – voll eklig. Dann die Worte „Donald Trump“ - schnell drehe ich das Radio wieder aus. Nachher kommt dieses Monster Donald Trump noch in meinen Raum, in meinen Körper, in mein Ich, in mein Nichts. Also verschwinde ich schnell wieder in mein Nichts. Aber schon hier ist ein Fehler, denn es gehört mir nicht, das Nichts ist nicht mein, es gehört niemandem. Der Zen-Buddhismus lehrt, dem Streben nach einem Grund zu entsagen, dem Drang nach Sinn zu entkommen. Auch nach dem Nichts soll man nicht streben. „Das ist alles nicht leicht“, denke ich und mache mir eine Schale Reis. 


Der Bauer und der Diamant

Es gibt diese Geschichte von dem Bauern, der beim Kartoffelausmachen einen Diamanten findet, während alle Kartoffeln ungenießbar waren. Er posaunte hinaus, nun reich zu seien und versprach seiner Familie Wohlstand und ein opulentes Abendmahl, verhöhnte seine Nachbarn aufgrund deren schlechter Ernte und ließ sich sofort einen protzigen Mantel auf Pump schneidern, mit dem er auf den Marktplatz lief und stolz seinen Fund präsentierte. Egal, was ihm im Tausch angeboten wurde, es war zu wenig – der Diamant musste tausendmal mehr wert sein, als der gesamte Marktplatz. Die Händler boten allerlei exotische Waren, Gold und Silber, ein halbes Vermögen, sogar ihre wunderschönen Töchter und eine Krone – aber der Bauer lehnte ab, da er sich sicher war, noch mehr für seinen Fund verlangen zu können. So kam er zu seiner wartenden Familie zurück und versprach, am nächsten Tag das Himmelreich mitzubringen.

Aber auch an den folgenden Tagen waren ihm die Angebote der Händler nicht adäquat. Diese brachten ihm Dromedare aus Marokko, Jungfrauen aus Persien, Salz aus Indien, oder boten ihm Landgüter in den saftigsten Anbaugebieten, Schlösser in Schlesien oder Grundstücke in der Hauptstadt. Aber der Bauer schickte die Herbeigereisten allesamt hinfort. Nach nur wenigen Tagen waren die Vorräte in seinem Hause aufgebraucht und die Familie begann zu hungern, da sie sich lediglich auf die Kartoffelernte verstand und nichts Anderes zum Tauschen besaß. Auch der Schneider fragte nun öfter, wann er denn mit dem Lohn für seine Arbeit rechnen könne. Also beschloss der Bauer, den Diamanten gegen das ihm am wertvollsten erscheinende Angebot einzutauschen. Aber als er am nächsten Tag den Marktplatz betrat, waren die fremden Händler abgereist und kaum jemand scherte sich noch um ihn oder seinen Diamanten. Also ging er herum und erfragte, was sie ihm für den Diamanten bieten würden, aber niemand wagte sich mehr, ihm ein Angebot zu machen. Manche zeigten sich verärgert und bezweifelten, dass er bereit wäre, den Diamanten für weniger als den Reichtum der Welt abzugeben.

Niemand konnte etwas bieten, was nur einigermaßen dem Wert des Diamanten hätte gleichkommen können. Und wenn er sagte, dass er nun bereit wäre, etwas weniger entgegenzunehmen, da ärgerten sich die Händler noch viel mehr und wünschten ihn zum Teufel, er solle sein schändliches Spiel andernorts aufführen, sie seien ehrbare Handelsmänner und würden sich nicht zum Narren halten lassen. So lief er lange herum und hätte am Ende sogar nur einen Sack Kartoffeln genommen, aber als er dies einem Händler anbot, sagte dieser, dass ein Diamant niemals echt sein könne, wenn sein Besitzer ihn für einen Sack Kartoffeln hergeben würde – und verweigerte den Tausch ebenso wie die anderen Marktschreier. Alle Waren, die er noch zuvor abgelehnt hatte, wurden ihm nun verwehrt, da es sich herumgesprochen hatte, dass er ein Betrüger sei. Während seine Familie langsam und elendig verhungerte, kroch er tagtäglich über den Marktplatz und bettelte darum, seinen Diamanten auch nur für ein Stück Brot eintauschen zu können. Sein Mantel war unterdessen so heruntergekommen, dass der Schneider weder diesen zurücknehmen, noch den Diamanten als Bezahlung akzeptieren wollte.

Und auch seine Nachbarn wiesen ihn und seinen Diamanten zurück, liehen ihm weder Geld noch gaben ihm, seiner Frau oder den vier Kindern etwas zu Essen. In ihren Augen war er schließlich wohlhabend und seine Reichtümer, die würde er verstecken. Bärbeißig bewachten sie ihre Vorräte in der Befürchtung, dass der habgierige reiche Nachbar beabsichtigen könnte, diese zu stehlen. Jeden Abend versammelte sich die Familie des Kartoffelbauern um den leeren Essenstisch und betrachtete den Diamanten, der in der Tischmitte lag und niemanden satt machen konnte. Bis zur nächsten Ernte im Frühjahr würden sie nicht überleben, die Kinder waren bereits erkrankt und die Frau ebenfalls fiebrig vor Hunger. Vor lauter Verzweiflung warf der Bauer den Diamanten in einen Fluss, auf dass das Glück zu ihm und seiner Familie zurückkehren möge.

Noch in dieser Nacht traf der König im Dorfe ein. Seine Verwalter und Heerscharen forderten sämtliche Zölle und Steuern ein – früher als gewöhnlich, denn es hatte sich bis in die Hauptstadt herumgesprochen, dass das Dorf einen Diamanten verstecke. Zwar hätte der Schatzmeister den jährlich geforderten Betrag aufbringen können, aber der König forderte den Diamanten, dazu war er eigens persönlich hergereist.  Also rotteten sich die Dorfbewohner mit Fackeln und Mistgabeln vor dem Hause der Bauernfamilie zusammen und verlangten, dass diese den Diamanten herausrücke.

Als der Bauer beteuerte, er habe ihn in den Fluss geworfen, und auf seinen abgemergelten Leib sowie seine fast verhungerte Familie verwies, durchsuchte die Meute sein Haus und Grund. Sie rissen das Heim bis auf die Grundstützen nieder in der Vermutung, Verstecke auftuen zu können, durchgruben den Garten und nahmen sich der Körperöffnungen der Familienmitglieder an, da sie annahmen, diese hielten den Diamanten dort versteckt. Als sie Nichts finden konnten, schändeten sie die Bauernfamilie und verbrannten ihre Körper auf dem Felde. Selbiges Schicksal ereilte auch sie, die Einwohner des Dorfes, noch in derselben Nacht, da die Schergen des Königs ihnen ebenso wenig Glauben schenkten, wie die Dorfbewohner der Bauernfamilie zuvor. Am nächsten Morgen war das Dorf niedergebrannt und die Gemeinde ausgerottet.

 


Eine  Geschichte mit Happy End

 

Hallo. Mein Name ist Paul und ich bin zu auffällig. So haben es die Lehrer gesagt, bevor sie mich hierher gebracht haben, und die Leute vom Staat, von so einem Amt.

 

Hier bin ich ganz allein. Es gibt ein Fenster, da kann ich rausschauen, aber es gibt nicht viel zu sehen, außer einer Wand und den Himmel. Ich schaue oft in die Wolken.

 

Dreimal pro Tag schieben sie Essen unter der Stahltür durch. Es ist viel Essen. So viel habe ich früher nie gegessen. Und es ist gut. Wo auch immer ich hier bin, sie haben einen richtig guten Koch.

Mit dem Essen kommt auch eine Zeitung. Es ist leider nur die Bild, aber besser als nichts. Ich habe ein Bett und ein Klo, aber leider keine Dusche und auch sonst nicht viel. Zwei Bücher gibt es: die Bibel, das Neue Evangelium, und ein Buch auf dem „Philosophie“ steht. Darin geht es um das Leben nach dem Tod und, dass es wohl nicht so schlimm ist, zu sterben.

Ich glaube, „auffällig“ meint dick. Ich bin zu dick, zu unansehnlich. Meine Pickel und das alles, die krummen Beine. „Auffällig“ war ich nie. Ich saß hinten, in der letzten Bank, und habe versucht, mich so wenig wie möglich zu bewegen, keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Aber irgendwann fing der Lehrer an zu schreien. Was das wieder soll, hat er geschrien und auf mich gezeigt, und alle haben sich umgedreht, und er hat „Baaahh“ gesagt, richtig angewidert war er. Dabei sah ich aus wie immer. So könne das nicht weitergehen, sagte der Lehrer, es würde an dieser Schule Vorschriften in Sachen ästhetischem Wohlbefinden geben, das würde ich wissen, es sei mehrfach mit meinen Eltern gesprochen worden, wenn sich da nicht bald was ändern würde…

Meine Eltern waren jeden Morgen immer sehr nervös. Sie haben mich geduscht, gepudert und geschminkt, aber es hat wohl alles nichts geholfen. Meine Mutter drehte sich immer von mir weg, wenn sie den Puder auftrug. Die Pickel haben wir mit Säure behandelt, aber es hat nur zu noch stärkerem Ausschlag geführt und außerdem das ganze Gesicht verätzt. Mein Vater war kaum in der Lage, mich auch nur anzuschauen. Und auch die Ärzte aus der „Klinik für Ästhetik“ in Schöneweide konnten nichts für mich tun.

An meinen Noten kann es auch nicht gelegen haben. Ich hatte immer gute Noten, ich habe auch viel gelernt. Nur durfte ich im Unterricht eben nicht reden. Ich würde die anderen Kinder vertreiben, hatte die Schulleitung meinen Eltern geschrieben. Irgendwann hatte man mich in so einen Kasten gesetzt: Von außen konnte man nicht reinsehen, aber von innen konnte ich nach außen schauen und so weiterhin den Unterricht verfolgen, ohne die anderen Kinder abzulenken. Viele Eltern haben ihre Kinder von der Schule genommen. Mein Anblick sei nicht förderlich für die ästhetische Entwicklung der Sprösslinge, hieß es. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Jedenfalls tut es mir leid. Meine Eltern haben sich auch oft genug für mich entschuldigt, aber was sollten sie tun? Einen Privatlehrer konnten wir uns nicht leisten, und der eine, so ein Typ aus dem Wedding, der musste sich immer übergeben, während er mir Rechnen beigebracht hat. Er wollte mehr Geld, Schadensersatz, aber die Versicherung macht bei mir nicht mehr mit, meine Eltern haben es mehrfach versucht.

Meine Eltern sehen auch ganz normal aus, sie entsprechen den Vorschriften der Ästhetikbehörde, wie es eine Untersuchung ergeben hat. Trotzdem mussten sie monatlich ein „Bußgeld“ für mich entrichten. Ein Teil davon wurde mir vom Taschengeld abgezogen. Aber das war nicht so schlimm, denn ich konnte ja eh nie etwas einkaufen. Ich werde erst gar nicht in den Laden gelassen, einmal hat sogar einer seine Pistole unter der Ladentheke hergeholt.

Niemand weiß, wie es bei mir so weit kommen konnte. Aber anscheinend wusste man nicht mehr weiter und hat mich hierher gebracht. Meine Mutter hat geweint, aber ich sollte verstehen, dass ich für sie natürlich auch eine Belastung darstellen würde.

Einmal pro Tag klopft es an der Tür. Jemand fragt, wie es mir geht. „Gut“, sage ich. Was soll ich sonst auch sagen? Dann sagt die Stimme, dass mir meine Mutter ausrichten lässt, dass sie mich liebt. Darüber freue ich mich dann.

Gestern wurde ein Brief unter der Tür hergeschoben. Da steht eine Menge drauf, so Beamtendeutsch. Wenn ich es richtig verstehe, soll ich wohl Morgen hingerichtet werden. Sie wissen nur noch nicht, wie. Anscheinend hat sich kein Henker gefunden. Und auch alle anderen Mitarbeiter haben sich wohl geweigert, an meiner Vollstreckung teilzunehmen. Weiter steht geschrieben, dass wohl auch meine Eltern nicht dazu bereit wären, mir die Spritze zu setzen, wie es eigentlich ihre Pflicht sei, aber sie würden sich weigern. Ich bin richtig gerührt. Sie lieben mich sehr. Es tut mir leid, dass ich daran gezweifelt habe.

Soeben werden eine Spritze und ein weiterer Zettel unter der Tür durchgeschoben.

 


Sprachigkeitslos

 

  1. Schreiben bedeutet mir viel.
  2. Schreiben bedeutet mir mehr.
  3. Schreiben, das bedeutet mir alles.
  4. Es bedeutet mir mehr als alles; Schreiben ist alles.
  5. Alles ist Schreiben.

0        Es gibt nichts, was nicht Schreiben ist.

 

  1. Schreiben ist nichts.
  2. Nichts ist Schreiben; es bedeutet mir weniger als nichts.
  3. Schreiben, das bedeutet mir nichts.
  4. Schreiben bedeutet mir wenig.
  5. Schreiben bedeutet mir etwas.

Es ist nicht leicht, jeden Tag aufzustehen

Es ist nicht leicht, jeden Tag aufzustehen und all die immer wiederkehrenden Dinge und Notwendigkeiten abzuklappern

Es ist nicht leicht, den Organismus am Leben zu halten

Es ist nicht leicht, die immer gleichen Handgriffe und Gepflogenheiten abzuwickeln

Es ist nicht leicht, keinen Joint zu rauchen und liegenzubleiben

Es ist nicht leicht, nicht dem Alkohol zu verfallen

Es ist nicht leicht, sich jeden Tag zu fragen, warum das alles einen Sinn haben soll

Es ist nicht leicht, sich jeden Tag zu fragen, ob man ein Dichter ist

Es ist nicht leicht, zu schreiben ohne zu wissen, was daraus wird

Es ist nicht leicht, nicht einfach mit dem Schreiben aufzuhören

Es ist leicht, kein Dichter zu sein

 

Schreiben benötigt nichts – außer dem Verzicht. Vom Schreiben kann man mich nicht abhalten.

Schreiben hält mich auf. Es hält mich auf zu leben und zu sein, wie es diese Gesellschaft für richtig hält. Schreiben ist Zeit, aber nicht die Zeit, die Geld ist. Schreiben ist kein Geld; Schreiben ist unbezahlbar und wertlos. Geld ist keine Zeit, aber Schreiben ist Zeit. Schreiben ist unendlich und immer noch vergangen.

Die Sprache ist das Haus des Seins, und Lyrik ist ein Vogel, der sich auf dem Dach ein Nest baut. Und die Poesie ist die Gartenhütte: unbeheizt und feucht, aber in ihr findet sich eine Menge Kram. Kram, der aus dem Keller ein Souterrain und aus dem Balkon eine Empore machen kann. Aber die Sanierung des Hauses ist der Untergang der Sprache. In jedem Haus gibt es einen unbekannten Raum. Ein Raum ohne Sprache. Dieser Raum ist Gott (vielleicht). Wo dieses Haus des Seins steht, kann kein anderes mehr gebaut werden.

Und ich selbst, ich wohne jetzt nebenan.

Dichtung müsste eigentlich schweigen, sagen wir hier drüben. Das Schreiben hat uns alles genommen; wir glauben nicht an die Sprache. Wir wollten Schreiben ohne Sprache.

Manchmal klopfen wir an die Tür des Haus des Seins. Wir wollen Brot, etwas Salz, oder den Erstgeborenen. Wir kommen vorbei, ungebeten. Wir laden uns selbst ein, am Tag der offenen Tür. Und wir bringen alles durcheinander. Wir sorgen für Sprachlosigkeit.

Dann laden wir euch ein. Kommt rüber zu uns! Gerne auch ungebeten. Ihr müsst nicht vorher anrufen. Eure Sprache ist hier nichts wert. Ihr selbst bedeutet uns alles. Tretet euch bitte gut die Schuhe ab, oder zieht sie am besten aus, ihr könntet Sprachstaub hineinbringen. Und seid gut vorsichtig, fasst nichts an. Ihr seid hier nicht versichert.


Döner und Lesebühne

Eine Lesebühne zu machen ist ungefähr so, wie einen Dönerladen zu eröffnen. Auch das geschieht ja immer wieder. Ich habe mich schon oft gefragt, was in den Leuten vorgeht: denken die sich, „ach, die Leute mögen Döner, komm wir machen einen Laden auf“ und stellen dann erst fest, wie viele Dönerläden es bereits gibt, oder denken sie sich, wenn das bei den anderen funktioniert hat, machen wir das auch. Ich habe keine Ahnung von Wirtschaft und Management, daher habe ich aufgehört, darüber nachzudenken. Aber ich bin überzeugt davon, dass sich die Besitzer der Dönerbuden ebenso fragen, warum zum Teufel schon wieder eine neue Lesebühne eröffnet wird.

 

Ich bin dann auf die Idee gekommen, Dönerladen und Lesebühne zu verbinden. Wie wir alle wissen, gibt es kein besseres Publikum als essendes Publikum. Wer isst, kann sich nicht beschweren. Aber als ich dem Besitzer meine Idee mit dem Lesebühnendönerladen erläutere, fragt er mich nur, ob mit oder ohne Zwiebeln. Und dass, obwohl ich bei ihm einmal täglich Döner esse, und zwar immer ohne Salat, nur Brot und Fleisch, Zaziki und Zwiebeln.

 

Also wird das wohl nichts mit der eigenen Lesebühne. Macht nichts: In Berlin gibt es ungefähr 1600 Dönerläden und ca. 30 Lesebühnen. Die 1600 Döner habe ich schon gegessen, es wird Zeit, die 30 Lesebühnen auszuprobieren. Anders als bei einem Dönerladen muss man dazu aber vorher einen Text schreiben.

 

Also setze ich mich hin und versuche zu schreiben. Ich mache mir einen Tee, ziehe die Rollläden zu, esse vorab einen Döner, damit ich nicht durch Hunger unterbrochen werde, und trinke noch schnell vier Flaschen Wein, weil Schriftsteller das so machen, das habe ich in der Schule gelernt.

 

Natürlich habe ich dort auch Lesen und Schreiben beigebracht bekommen, dazu mein Studium in "unterhaltsames Schreiben für Berliner Lesebühnen" in Oxford, Cambridge, Yale und einer Privatuniversität auf Hawaii – eigentlich müssten mir die Grundlagen bekannt sein.

Was immer wieder gelehrt wird:

 

1. Lesebühne, das ist nicht wie Poetry-Slam oder Marktwirtschaft, wo alle gegeneinander antreten, nur einer gewinnen kann und sich am Ende aber alle wieder lieb haben.

2. Lesebühne, das ist mehr Mutprobe als Literatur. Man darf niemals vergessen, dass man einen Text nicht nur schreiben, sondern auch vortragen muss.

 

Um mich zu motivieren, habe ich beschlossen, mir vor der Erstellung meines eigenen Textes, bereits existierende Texte anderer Menschen anzusehen. Geniale Idee, denke ich bei mir selbst, das muss das Studium sein. Texte sind überwiegend in Büchern zu finden, diese wiederum kann man in Buchhandlungen oder Buchläden kaufen.

„Ein Buch bitte!“, sage ich zu einer Verkäuferin in einem Antiquariat. Dort gibt es auch Bücher, alte Bücher, weg gegebene Bücher, Bücher, die schon ein bisschen riechen, Bücher, die der Besitzer nicht mehr haben wollte.

 

„Wir haben hier ein Sonderangebot: Ein Kilo Bücher für drei Euro.“

„Gut, dann nehme ich ein Kilo Bücher bitte.“

„Aber welche Bücher denn?“

„Welche mit Texten.“

„Was denn für Texte?“

„Weiß nicht, Texte über Lesebühnen und Dönerläden zum Beispiel.“

„Führen wir nicht.“

„Ach, egal.“

„Tut mir leid, da kann ich nichts für die tun.“

„Macht nichts … tschüss dann.“

„Auf wiedersehen.“

 

„Verdammt“, denke ich bei mir selbst. Vielleicht war das Studium doch nicht so gut. Aber wenn ich einmal darüber nachdenke, muss ich sagen, dass sie uns das käufliche Erwerben von Büchern niemals beigebracht haben. Von wegen Eliteuniversitäten! Scheiß Yale! Da geh ich nicht noch einmal hin!

 

Und wenn ich nicht einmal in der Lage bin, ein Buch zu kaufen, wie soll ich dann jemals einen Text schreiben können? Auf dem Weg nach Hause erinnere ich mich daran, dass Schriftsteller Pseudonyme haben.

 

Vielleicht sollte ich mir ein auch Pseudonym geben, sowas wie Valentin Mrotz oder Neo Ewald oder Nero Schirschke. Und ich würde Geschichten schreiben über Leonie und ihren Freund Leon-Julius, die während ihres jährlichen Tennis-Trainings auf Lanzarote in ein Abenteuer geraten, kryptische Sprache, jugendlich frech, melancholisch, nüchtern.

 

Mache ich aber nicht: Bei mir heißen die Charaktere Julia, Christian, Martin, Anne und Sarah, denn so heißen die Leute nun mal, ob sie es so wollten oder nicht. Und sie verlieren auch nicht ihre Jugend, sie hatten nie eine.

 

Also ich meine: Ich würde meine Charaktere so nennen, wenn mir denn eine Geschichte einfallen würde. Ich habe es nochmal versucht, diesmal mit acht Flaschen Wein, aber wieder nichts.

 

Doch als ich auf mein Blatt Papier niederblicke, stelle ich fest, dass ich ja doch irgendwie etwas geschrieben habe. Das gilt, ganz klar, auch das ist ein Text.

 

Lange habe ich überlegt, wie ich rein visuell Aufmerksamkeit erheischen könnte, um damit davon abzulenken, dass ich gar keinen richtigen Text verfasst habe. So könnte ich zum Beispiel nackt vortragen. Dazu noch den Hitlergruß vielleicht, das kommt immer gut, oder eine Burka, aber das wäre auch nichts Neues. Burka und Hitlergruß, das verwirrt die Leute, das mache ich vielleicht.

 

Ich entscheide jedoch, einfach meinen Text zu lesen, so, als sei ich selbst gar nicht da und nur der Text wichtig. Ich bin nichts, der Text ist alles.

 

Um meine Nervosität zu bekämpfen, verwende ich denselben Schulmeistertrick wie schon damals, als ich die Aufregung vor einem Schulreferat zu bändigen hatte: ich schlucke drei Valium, ziehe fünf Nasen Koks, trinke acht Liter Wasser, zwei Liter Wein, drei Schluck Fanta und drehe mich sieben Mal links und zwei Mal rechtsherum im Kreis, übergebe mich mehrfach und trete auf die Bühne.

 

Andreas Gläser sagte einmal, dass man mit Lesebühne richtig Asche machen und ordentlich reich werden kann.

 

Zum Schluss hier meine IBAN Nummer, damit Sie mir Geld überweisen können: DE77120300001014842826

 

Es muss nicht viel Geld sein; schon 50 oder 60 Euro würden genügen, damit ich meinen Kindern etwas zu Essen kaufen und das Schulgeld bezahlen kann.

 

Ich wiederhole meine IBAN Nummer: DE77120300001014842826

 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

 

Und jetzt kommt Andreas Gläser (Wäre super, weil der das gar nicht gesagt hat und auch gar nicht weiß, dass ich ihn in einem Text erwähne).



Versuch über den Mann mit dem Holzbein

Ich spiele Krieg. In der Welt eines kleinen Jungen ist alles voll mit Gewehren und Maschinenpistolen. Äpfel dienen als Handgranaten und Stöcke als Pistolen. Ich bewege mich wie ein Soldat und feuere auf meine Gegner, die überall sind. An einem Tag habe ich bestimmt über 100 imaginäre Feinde erschossen, abgefeuert wie Holzfiguren. Auch meine kleinen Spielsoldaten sterben jeden Tag aufs Neue; ich inszeniere ein blutiges Szenario mit Panzern, Mörsern und Hubschraubern. Blau gegen grün. Worum oder weswegen sie kämpfen, das ist egal. Ich positioniere sie im Garten, in der Nähe des Sandkastens, die Blauen stürmen vom Westen heran, die Grünen halten ihre Stellung und warten auf Verstärkung. Dann kommt der Mann mit dem Holzbein und tritt meine Spielfiguren um, nimmt einen Panzer und schmeißt ihn weit weg, er ist rot vor Wut und trampelt auf den Figürchen herum, ich weine. Mein Vater kommt und schimpft mit dem Mann mit dem Holzbein, sie schreien sich an, dann nimmt mich Vater in den Arm, ich beruhige mich. Schließlich sammeln wir meine Figuren ein, ich kann oben im Haus weiterspielen. Ich bin immer noch traurig, den Panzer haben wir nicht wiedergefunden, er muss weit in der Wiese hinter dem Haus gelandet sein.

 

Jahre später, ich bin an einer Universität, demonstriere ich gegen Krieg. Gegen einen speziellen Krieg. Worum oder weswegen sie kämpfen, das ist egal. Sie sollen aufhören zu kämpfen, sie sollen friedlich miteinander leben, das sind meine Forderungen. Ich verstehe nicht, warum das nicht geht. Und dann lerne ich Maria kennen, die das auch nicht versteht. Wir gehen zusammen auf Demos. Es gibt einige Demos in Berlin. "Nazis raus", schreien wir und ich denke an den Mann mit dem Holzbein. Wo soll er hin? Raus aus Deutschland? Ich habe immer gerne "Die Sterne" gehört: "Was sollen denn Nazis raus aus Deutschland? Denn hier gehören sie hin!" Maria mag die Band nicht. Sie möchte alle Nazis vierteilen, ihnen den Penis spalten und sie bei lebendigem Leib verbrennen. Sie meint die Faschisten, die, die Asylbewerberheime anzünden und gar nicht wissen, was ein Jude ist. Das sind gar keine echten Nazis. Der Mann mit dem Holzbein ist ein echter Nazi. Oder er war einer. Vielleicht ist er nach dem Krieg immer noch einer gewesen, ich hoffe nicht. Ich habe Maria nie von ihm erzählt. Ich traue mich nicht, vielleicht würde sie mich verlassen oder mich oder den Mann mit dem Holzbein bei lebendigem Leib verbrennen wollen. Als Deutscher ist man immer auch Nazi, so, wie Menschen auch immer Fleischesser sind, egal, wie gut sie den Tofu zubereiten.

 

Ich bin müde vom vielen "Nazis raus!" rufen. Maria geht noch zur Mahnwache, ich denke an den Mann mit dem Holzbein. Einmal habe ich ihn gefragt, wie viele Menschen er im Krieg erschossen hat. Sofort nahm mich mein Vater beiseite und sagte, ich dürfe so etwas nie wieder fragen. Aber ich würde es gerne wissen, wie viele Menschenleben es waren. Eines, fünf, fünfhundert? Ich weiß, wie viele Mitglieder meiner Familie bei der Flucht aus Schlesien nach Westfalen umgekommen sind: Vier Kinder, eine Tante und zwei Onkel. Umgebracht "vom Russen". Diese Geschichte wird mir oft erzählt, es gibt ein Familienalbum. Aber wie viele Menschenleben der Mann mit dem Holzbein von dieser Erde genommen hat – vielleicht werde ich es nie erfahren. Gegen die Polen hat er gekämpft, sich in Schützengräben geduckt, geschossen, Briefe nach Hause geschrieben, geschossen, Nachtwache gehalten, geschossen, vor und zurück und schließlich rein ins Land, geschossen.

 

Polen, ein Land nebenan, es ist näher an Berlin als Westfalen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man einen Krieg gegen dieses Land führen konnte. Hat der Mann mit dem Holzbein Fragen gestellt? Hat er Mein Kampf gelesen? Stand es im Bücherregal im Wohnzimmer über dem Radio? Hat er auch Kinder erschossen? Hat er sich geweigert? Hat er es versucht? Er ist mir alle diese Antworten schuldig und wird sie mir schuldig bleiben. Ein Leben in deutschen Familien bedeutet zu schweigen. Er hat mit mir gespielt, für mich im Tor gestanden, mit mir Drachen steigen lassen, er war mit mir bei den Enten am Stadtteich und wir haben sie gefüttert. Ich habe ihn sogar einmal lachen gesehen. Darf er das, lachen? Dürfen Nazis lachen? Hätte er sich nicht erschießen lassen müssen, oder hätte er sich selbst erschießen müssen? Hätte er meinen Vater niemals zeugen dürfen? Wie kann man es schaffen, immer noch an das Leben zu glauben, wenn man zwei Weltkriege erlebt hat? Wie kann man das Leben nicht beenden wollen? Ich stelle ihn mir vor, wie er "Heil Hitler!" ruft und stramm steht, wie er ein Gewehr abfeuert, wie er Steine in ein Judengeschäft wirft, wie er daran glaubt, wie er wirklich daran glaubt, dass Juden Untermenschen sind, und wie er es weiß: wie er ganz genau weiß, wohin die Züge fahren und was sich in Auschwitz befindet. Ich stelle mir vor, wie er sogar dafür war, nicht nur nicht dagegen, sondern dafür. Ich sehe das Hakenkreuz auf seinem Mantel, dem langen schwarzen Mantel, wie ich ihn aus Filmen kenne.

 

Vielleicht hat er den Holocaust geleugnet, so, wie ich ihn, wie ich den Mann mit dem Holzbein leugne. Ich leugne ihn vor Maria, ich leugne ihn an der Universität. Ich leugne ihn als meinen Opa. Ich wünschte mir so sehr, er wäre dagegen gewesen, er wäre einer der wenigen gewesen, die sich gewehrt haben, die heimlich oder öffentlich irgendetwas dagegen getan haben. Dann könnte ich an der Universität von ihm erzählen, Maria von ihm erzählen. Wäre er doch nur erschossen worden. Natürlich würde es mich dann überhaupt nicht geben, aber vielleicht sollte es auch einfach gar keine Deutschen mehr geben. Vielleicht hätte ich ihn erschießen sollen, während er mit mir Drachen steigen ließ, oder während wir Enten füttern waren am Stadtteich. Vielleicht machen wir es uns zu leicht. "Nazis raus!", schreie ich und küsse Maria. Ich bin schon ganz heiser vom ganzen Schreien. Als würde mir meine Erbschuld dadurch genommen werden. Wir haben Glück gehabt, wir haben es leicht. Hätte ich mich gewehrt? Hätte ich Mein Kampf gelesen und es verstanden? Hätte ich es mir vorstellen können? Hätte ich Auschwitz glauben können? Ich glaube, ich wäre ein guter Nazi gewesen. Und ich glaube, Maria auch. Wir hätten ein gutes nationalsozialistisches Pärchen abgegeben. Die Uniform hätte mir gut gestanden, mein deutsches Gehirn hätte sich wohl gefühlt in der Bewegung und ich wäre an die Front gelaufen und hätte für mein Vaterland geschossen. Ich hätte getötet und gedacht, damit etwas zu verteidigen.

 

Vor dem Holzbein hatte ich immer Angst. Wenn er Schlafen gegangen ist, hat er es abgenommen und gegen die Wand gelehnt. Der Rest seines Beines, dieser Stumpft, bewegte sich ganz normal und endete als Halbkugel am Oberschenkel. Einmal pro Jahr sind wir nach Bad Pyrmont gefahren, dort bekam er ein neues Bein aus Holz: gute deutsche Handwerkskunst, bezahlt vom Staat, für welchen diese meine Familie gemordet hat. Auf eine Mine ist er getreten, der Mann mit dem Holzbein, als er noch der Nazimann mit den zwei Fleischbeinen war, und einmal, ich weiß es genau, habe ich ihm das Holzbein geklaut: Ich bin früher aufgewacht, habe es genommen und bin zur Schule gelaufen. Dort habe ich es den anderen Kindern gezeigt, die Mädchen haben angefangen zu weinen und sind davongelaufen. Die Jungs haben es mir weggenommen und darauf herumgetreten, es in die Luft geworfen und schließlich auf das Blechdach des Sporthalle hinab geworfen. Der Geschichtslehrer hat dann die Feuerwehr rufen müssen. Mein Opa konnte einen halben Monat nicht laufen: Auf einem Bein ist er manchmal herumgehüpft, wenn er es im Bett oder vor dem Fernseher nicht mehr ausgehalten hat, bis wir wieder nach Bad Pyrmont fahren konnten um das Bein reparieren zu lassen. Der Staat oder die Versicherung haben das nicht bezahlt, es war sehr teuer. Die ganze Fahrt über hat der Mann ohne das Holzbein gelacht und mich angesehen. Einen Schelm hat er mich genannt, und auch meine Eltern haben gelacht. Ich habe nicht gelacht, vielleicht, weil ich ein Deutscher bin und Deutsche lachen nicht. Ich hatte meine Spielsoldaten dabei und hätte den Mann ohne das Holzbein gerne gefragt, wie viele Gewehre man braucht, um einen Hubschrauber abzuschießen, oder ob ein Panzer durch ein Haus fahren kann.

 

"Erzähl mir bitte mal von Opa!", sage ich zu Vater und öffne mir ein deutsches Bier. Opa liegt auf einem deutschen Friedhof, ob er mit oder ohne Holzbein begraben wurde, weiß ich nicht.


Wenn ich den Literaturnobelpreis überreicht bekommen würde

Würde man mir den Literaturnobelpreis überreichen, würde ich mich freuen. Nachdem ich mich gefreut habe, würde ich weinen. Und nachdem ich mich gefreut und geweint habe, würde ich den Literaturnobelpreis weiterreichen, und zwar an Clemens Schittko. Dieser würde sicher auch weinen, nachdem er sich gefreut hat. Wie ich aus sicherer Quelle weiß, würde Clemens Schittko den Literaturnobelpreis an Patrick WEH Weiland weiterreichen. Dieser würde ihn ganz sicher an Myriam Louviot weitergeben, welche ihn wiederum an Nikita Afanasjew weiterleiten würde, da bin ich ganz sicher. Es ist davon auszugehen, dass Nikita Afanasjew den Literaturnobelpreis an seine Tochter Ida weiterreichen würde. Diese würde kurz mit dem Literaturnobelpreis spielen, ihn eventuell in das Puppenhaus legen für eine Nacht, und am nächsten Tag, auf dem Weg zur Kita, würde sie den Preis an einen Obdachlosen in der U-Bahn weiterreichen. Dieser würde ihn einem Hund schenken, welchem er auf der Straße begegnet. Der Hund würde den Literaturnobelpreis seinem Herrchen bringen, dieses Herrchen würde den Literaturnobelpreis zum Fundbüro bringen, woraufhin ich ihn nach einer bürokratischen Pause und einer Gebühr wiederbekommen würde. Diesmal würde ich ihn an Andreas Gläser weiter verleihen, welcher ihn an Ahne weitergeben würde, welcher ihn an Max von der Oos weitergeben würde, welcher ihn an Herta Müller weitergeben würde, aber die würde „Nein Danke“ sagen, weil sie schon einen hat, und dann würde Max von der Oos den Literaturnobelpreis an Lutz Steinbrück weiterreichen, und der würde ihn an Stephan Groß weiterreichen, und der würde nach Nordkorea fliegen und ihn einem kleinen Mädchen in die Hand drücken. Dann würde man viele Jahre nichts vom Literaturnobelpreis hören, bis er im Jahre 2045 bei Ausgrabungen in Bagdad gefunden würde. Die Archäologen würden sich mehrere Wochen den Kopf zerbrechen und ihn anschließend an ein Museum in London weitergeben. Die haben zwar dort schon ein Exemplar, aber dann hätten sie eben zwei. Ein Professor aus Göttingen würde den Literaturpreis schließlich datieren und zu meinen Nachfahren bringen können. Eine Kopie würde dem Museum selbstverständlich erhalten bleiben. Meine Nachfahren würden den Literaturnobelpreis mit zu meinem Grab nehmen und vor meinem Grabstein aufstellen, auf welchem „Literaturnobelpreisträger für einen Tag“ stehen wird. Anschließend würde es einen langen Rechtsstreit meiner Angehörigen geben, solange, bis das Zeitreisen erfunden sein würde. Die Firma „Zeitreisen-Hermes“ würde mir den Preis einen Tag nach meiner ursprünglichen Verleihung zuliefern. Da ich das Porto nicht würde bezahlen können, müsste ich einen Kredit aufnehmen, welchen ich wiederum nur mit dem Verkauf des Literaturnobelpreises ausgleichen können würde. Also würde ich ihn an ein Museum in London verkaufen. Ein Literaturnobelpreisdieb würde den Literaturnobelpreis nur wenig später entwenden, ihn allerdings bei seiner Flucht im Wald verlieren. 



Im Land des Weltmeisters

Im Land des Weltmeisters ist alles rosig, wie der Anus eines Neugeborenen.

Die weltmeisterlichen Fahnen wehen weltmeisterlich im weltmeisterlichen Wind oder bedecken weltmeisterlich den weltmeisterlichen Müll auf den weltmeisterlichen Straßen. Ich pisse weltmeisterlich meinen weltmeisterlichen Urin in mein weltmeisterliches Klosett, welches noch gestern ein europäisch-drittplatziertes Klosett war, aber seit einigen wenigen Stunden eben ein weltmeisterliches Klosett ist, ebenso wie ich und mein Urin. Und mein weltmeisterlicher Strahl trifft weltmeisterlich.

Weltmeisterlich wecke ich meinen weltmeisterlichen Bruder, der sich umgehend weltmeisterlich übergibt. Weltmeisterlich sammeln wir die weltmeisterlich leergesoffenen weltmeisterlichen Bierflaschen zusammen. „Budweiser“, sagt mein weltmeisterlicher Bruder. „Ist das jetzt auch eine weltmeisterliche Flasche?“. „Ja“, sage ich weltmeisterlich gönnerhaft. „Im Grunde natürlich nicht, aber sie hat gestern zu uns gehört, auch ihr gebührt der Sieg“. Mein weltmeisterlicher Bruder versteht weltmeisterlich, er entledigt sich weltmeisterlich seiner weltmeisterlichen Kleidung und schreit weltmeisterlich von unserem weltmeisterlichen Balkon. Von der weltmeisterlichen Straße schallt es weltmeisterlich zurück.

Weltmeisterlich wecken wir die Weltmeisterhure, die auf dem weltmeisterlichen Sofa weltmeisterlich geschnarcht hat. Auch sie ist erst gestern Abend von einer europäisch-drittplatzierten zur Weltmeisterhure geworden. Und das haben wir gestern weltmeisterlich gefeiert. Denn wir Deutschen beherrschen nicht nur das Spiel mit dem Ball weltmeisterlich, sondern sind ebenso stark am Glas. Als Götze ins Tor traf und wenig später der Abpfiff erklang, spürte ich die Metamorphose. Von dem Moment an bin ich ein weltmeisterlicher Arbeitsloser, mein Bruder ein weltmeisterlicher Gebäudereiniger und unsere Mietschulden Weltmeisterschulden.

Weltmeisterlich frühstücken wir mit Weltmeisterbier und Weltmeisterbrötchen. Weltmeisterlich bezahlt mein Bruder die Weltmeisternutte mit Weltmeistereuros. Sie verabschiedet sich weltmeisterlich und mit weltmeisterlichen Grüßen.

Das geht jetzt vier ganze Jahre lang so weiter. Auf den Weltmeister, das sind wir alle!!