Zwischenleben

Die Zirkuskünstler*innen Aron Atilla aus England und Cristina Gonzales aus Barcelona im Bauch des Schiffes "Phönixx" auf dem Rummelsburger See. Sie sind Teil der "Circus Space Pirates", die das Boot im August 2020 gekauft haben. Vorher war es das Mutterschiff von "Neu-Lummerland", einer Anarcho Insel, die sich aufgelöst hat.


Die Anarcho-Insel "Neu-Lummerland" auf dem Rummelsburger See löste sich 2020 auf. 


Flieger, Jimmy, Ko und Bülent und Co in ihren Behausungen auf Teepeeland, einer Art Anarcho-Kleingarten an der Spree. Direkt an der Grenze des Geländes wird ein Bürogebäude hochgezogen. 


Carsten Riechelmann im Dachgeschoss seiner "Wartenburg". Als Kollektiv haben sie das Haus im Gleisdreieck Lichtenberg/ Friedrichshain gekauft und ausgebaut. Der Bezirk will das Wohnen in dem Gebiet verbieten. 


Der obdachlose "Klecks" auf dem Camp an der Rummelsburger Bucht möchte nur mit Maske fotografiert werden. Bezirk und Senat wollen das Lager der obdachlosen Menschen nicht, die Touristenattraktion Coral World soll entstehen. 


Am 5. Februar 2021 war es soweit: Das wohl größte Obdachlosenlager in Deutschland wurde geräumt. Viele Leute demonstrierten dagegen und besetzte den Bagger, der mit den Abrissarbeiten begonnen hatte. Der Maler Christopher Kadetzki hielt die Szenerie auf Leinwand fest. 


Der verrückte Künstler Carl Brunmayr muss sein Atelier in Spandau aufgeben. Hier entsteht das Neubauprojekt "Waterkant Berlin". Zuvor hatte er jahrelang als Hausmeister auf dem Gelände gearbeitet, dann kamen die Gerichtsvollzieher. 


Nicole und Christian Wallrich leben in einem Trailerpark - laut Bezirksamt ist der Platz illegal. Die Politik veranlasste, dass das Jobcenter die 500 Euro Miete für den Wagen nicht mehr übernimmt. Direkt gegenüber entsteht die "Parkstadt Karlshorst". Zwei Wagenburgen haben Räumungsaufforderungen bekommen. Ein Rentnerehepaar will ihr Haus nicht an den Investor verkaufen. 


Eine buddhistische Gemeinde muss weg. Das Bauamt Lichtenberg sagt, Pagoden seien in Gewerbegebieten nicht erlaubt, ihre Religion werde zudem nicht anerkannt. Aber wohin? Die vietnamesische Gemeinde wohnt in den Häuserblocks rund um das Asiatische Handelszentrum, sie kamen als Gastarbeiter*innen in die DDR. 


Max Czollek vor dem "theater im kino" in der Rigaer Straße. Hier hatte er seine erste Lesung. Seine Lyrikgruppe G13 hat sich in der Straße jahrelang getroffen. 


Ein inszenierter Kampf im Garten eines bedrohten Hausprojektes in Lichtenberg. Links: Frauke Petry. 


Die Künstlerin Finja Sander im Juli 2018 bei einer unangemeldeten Performance während des Rundgangs an der Universität der Künste. Das Sicherheitspersonal schob die junge Frau weg. "Kunst darf nicht um Erlaubnis fragen", sagte Sander später. 


Finja Sander während einer Performance in der Gustav Adolf Kirche in Charlottenburg, November 2020, während der Pandemie. Die Kirchengemeinde bekam später Drohanrufe und -mails von fundamentalen Christen und AfD-Leuten. 


Die "Villa Kuriosum" liegt an der Bezirksgrenze zwischen Lichtenberg und Friedrichhain-Kreuzberg. Kinay Olcaytu hat das "Okzidentalismus Institut" gegründet. "Toxo" hat einen Garten voller Giftpflanzen angelegt, die er zur Heilkunde verwendet. Benoit Ribot fährt mit seiner Kunstbude herum und verkauft seine Bilder. In der Villa sammeln sie Erinnerungen. Der Vertrag läuft 5 Jahre. 


Hausschwein Jerry lebt im Afrikanischen Viertel in Wedding. 


"Fuck Off Baustelle" am Ostkreuz. 


Am 19. April 2021 wollte die Deutsche Bahn ein Lager von obdachlosen Menschen auf ihrem Gelände hinter dem Ring Center räumen. Nachdem dies vorab öffentlich wurde, lenkte die Bahn ein und veranstaltet an diesem Tag lediglich eine "Aufräumaktion", bei der die Behausungen wohl nicht angerührt wurden. Trotzdem müssen die Menschen bald vor Ort verschwinden, es wird nach Lösungen gesucht. Thorsten Buhl, ehemaliger Linkspolitiker aus Friedrichshain, organisierte eine Kundgebung mit mehr als 50 Personen. 


Der Künstler Txus Parras aus der Schweiz hat früher im legendären Kunsthaus Tacheles mitgewirkt. Diese gibt es schon lange nicht mehr. In Januar 2019 hat er die "Kulturbotschaft" in der Herzbergstraße in Lichtenberg eröffnet. Keine zwei Wochen später untersagte der Bezirk Ausstellungen.


Der Rentner Herr Czech hat in seine Plattenbauwohnung in Hohenschönhausen einen U-Bahnwagen von 1928 originalgetreu nachgebaut. Seine Wohnung gleicht einem Museum. 


Obdachlose Menschen am Bahnhof Lichtenberg. Links Juri und Ananas mit Ratte "Snowboard" auf der Schulter. Nach zwei Jahren räumte der Bezirk das Camp und entfernte die Menschen aus dem Bahnhof. 


Die Künstler Mathias Roloff und Eitan Levin im Kupfersaal der Stasi, auch "Bernsteinzimmer" genannt. Hier wurde früher Abhörtechnik hergestellt, heute wird hier Kunst gezeigt. 


Ein Straßenmusiker auf der Warschauer Brücke.


Kreuzberger*innen demonstrieren 2019 für den Erhalt eines Aldi-Marktes in der Markthalle 9. 


Die Obdachlose Sabrina am Kottbusser Tor. Das Lager unter der Brücke wurde geräumt. 


Künstler*innen haben Puppen in Neukölln auf die Straße gesetzt, um auf Gentrifizierung im Kiez aufmerksam zu machen. Danach lagerten sie im Hinterraum einer Bar, die bald schließen musste. 


Der "Biergarten" Rummels Bucht an der Rummelsburger Bucht muss irgendwann der Bebauung durch Wohnungen, Gewerbe und "Coral World" weichen. Im Dezember 2020 nahmen Schauspieler*innen hier ein Hörspiel auf, frei nach Shakespeares Sommernachtstraum, transportiert in die Clubszene. Dieses war als Theaterstück im "Sisyphos" geplant, fand aber aufgrund der Corona-Pandemie lediglich als einmaliges Hörspiel statt. 


August 2020: Eddie Argos von Art Brut und andere Musiker*innen spielen ein Konzert in den Ruinen vom ehemaligen Haus der Statistik am Alexanderplatz. Das riesige Gebäude wird umgebaut. Teile davon stehen Anwohner*innen zur Zwischennutzung zur Verfügung. An zwei Tagen gab es eine Ausstellung über Livemusik, welche während der Coronapandemie nicht stattfinden konnte und vergessen schien. Kurze Konzerte sollten dargeboten werden, doch Hotelgäste von gegenüber riefen die Polizei.


Das linke und queer-feministische Hausprojekt "Liebig 34" in der Rigaer Straße am Tag seiner Räumung, dem 8. Oktober 2020. Viele andere Hausprojekte haben sich solidarisiert. 


Der ehemalige Hausbesetzer "Paul Geigerzähler" wohnt seit 20 Jahren in der Rigaer Straße und untermalt mit seiner Musik den Sound von Räumungen und Straßenkämpfen. Er bezeichnet sich selbst als Anarchist. Im Oktober 2020 wurde eines der Häuser, die Liebig 34, geräumt. 


Der Rentner Karl Raabe ist Marxist und lebt in der Karl-Marx-Allee. Zweimal am Tag ging er ums Haus und sammelte Müll auf. Doch Nachbar*innen störte das. Im Hintergrund die Kopie eines Gemäldes, das Original hängt in einem Museum in Moskau. 


Auf dem Gelände der BLO-Ateliers haben sich Kunstschaffende und Handwerker*innen angesiedelt. Doch das Gelände gehört der Deutschen Bahn - und diese will es als Baulager benutzten. 


Eine Künstler*innengruppe hatte sich in der ehemaligen Post der DDR eingenistet und Ateliers aufgebaut. Bis 2018 konnten sie bleiben, dann wurde das gelbe Haus abgerissen und ein schwarzer Klotz gebaut, dort ist nun "Smava", eine Kreditagentur. In der Mitte ist Tim Renner zu sehen, der den Künstler*innen damals seine Unterstützung zusicherte. 



Ehemaliges Haus der Statistik am Alexanderplatz. 


Eine Brache an der Rummelsburger Bucht wurde besetzt und zum Platz für Alle erklärt. Sie hielt sich nicht lange und wurde bald geräumt. 


Die "Pampa" auf dem Holzmarkt musste 2020 für eine Gastronomie weichen. 


Im Rockhaus in Lichtenberg proben über 200 Musiker*innen. 2020 stand das Areal vor dem Aus, der Investor wollte es verkaufen. Die Stadt half zwar und konnte dafür sorgen, dass das Haus erhalten bleibt, allerdings wurde die Miete stark erhöht - viele Bands konnten es sich nicht mehr leisten. 


Es war das Theater der „verbotenen Stadt“. Künstler:innen wie der Geiger David Oistrach, die Primaballerina Galina Uljanowa und das Ensemble der Peking-Oper traten im Theater Karlshorst auf. Das „Haus der Offiziere“ wurde 1948/49 auf Befehl des Chefs der russischen Militäradministration als Reparationszahlung Deutschlands an die Sowjetunion errichtet. Es war in der Tradition des Moskauer „Bolschoi Theaters“ angelegt, nur sowjetische Militärangehörige und Zivilangestellte sowie ihre Familien hatten Zugang, 600 Zuschauer:innen konnten Platz finden. Berliner:innen durften die 1945 errichtete Sperrzone, in der sich das Theater befand, nur mit Passierschein betreten. Noch in diesem Jahr soll das Theater wieder öffnen. Die Stiftung Stadtkultur wird es umbenennen in "KAHO. Raum für Kultur". 2025 soll die Umgestaltung fertig sein, Eröffnungsfeier ist 2021.


Der Künstler Ben Wagin hatte das Wandbild "Weltbaum" gemalt. Mehrere Jahre war es stadtbekannt, dann wurde vor der Hauswand ein Bürohaus gebaut und das Bild verschwand. 


Das Kino "Colosseum" musste schließen, alle Mitarbeiter*innen verloren ihre Jobs. Vor Ort soll ein Bürogebäude entstehen. Eine Zeitlang war dieser Schaukasten zu sehen, das ehemalige Personal hatte Filmtitel umgedichtet. Die Gerichtsvollzieher entfernen die Plakate. 


Kundgebung vor dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg gegen eine angedrohte Räumung eines Obdachlosenlagers am 11. Juni 2021


"Zwischenleben" besteht aus Bildern, die während meiner Arbeit als freier Journalist und Fotograf in Berlin entstanden sind, oder bei Streifzügen durch die Stadt, und zeigt Personen, deren Platz in Berlin umkämpft ist. Viele der Orte, die gezeigt werden, sind verschwunden/ verdrängt worden, oder werden es bald sein, die Galerie wächst ständig, auch um Fotos von Orten, die sonst keine Beachtung erhalten: Zwischen den Plattenbauten, in den Sozialwohnungen der Stadt, Kreuzberger, die für den Erhalt eines Aldi-Marktes demonstrieren, die "Villa Kuriosum", Leute, die in Teepees leben, ein Marxist in der Karl-Marx-Allee, ein Hausbesetzer aus der Rigaer Straße, verlassene Stasi-Orte, das "Bernsteinzimmer" der Stasi. Würde mich freuen, wenn ihr mal reinschaut. Derzeit bin ich auf der Suche nach einem Ort oder einem Verlag, um die Bilder auszustellen bzw. zu veröffentlichen und wäre sehr dankbar für Tipps.