Untergang aller möglichen Welten


Teil 3 / Abschnitt 23 / Version 5

New York City (Amsterdam Avenue), Februar 2016

 

Ich erwache und die Welt stirbt, so, wie jeden Morgen mit Café und Croissants.

 

Ich schlage mir kaltes Wasser ins Gesicht.

Die Hölle ist ein System, über die Welt gelegt wie Girlanden, wie Weihnachtsbeleuchtung und Werbung für Sportschuhe in Neonfarben, wie Grabinschriften, wie studierte Künstler.

 

23 Tage ohne Nachricht von dir,

der Schnee fällt leise, Straßen werden gesperrt,

Hashtag Blizzard New York 2016, mein Glas wird nicht leer.

 

 

Dann, eine Nachricht von dir – endlich: „Schreib mir nie wieder! Geh aus meinem Leben“, schreibst du. Endlich! Nach 23 Tagen.

 

Erlösung, Freude schöner Götterfunken, frohlocket.

Ja, sein mein Feind, sei fern, hasse mich, verachte mich, beschuldige mich – aber ignorier mich nie wieder.

 

Kämpfe gegen mich, zerreiß mich – aber schreib mir davon, bitte.

Sei nie wieder so rational, sei nicht logisch – so klappt das nicht mit uns.

 

Und der letzte Schluck Whiskey bewegt sich in meinen Mund.

 

Das mit uns, das ist kompliziert. Weißt du, viele Menschen lernen sich kennen und leben zusammen und trennen sich wieder nach acht oder zwölf Jahren oder so, trennen sich in Hass und mit Anwälten.

 

Wir zwei brauchen vielleicht acht oder zwölf Jahre, um wieder zueinander zu finden, aber dann für immer, bis zum Schluss, ohne Anwälte.

 

Dieselben Maden sollen sich von deinem und von meinem toten Leib ernähren – das wünsche ich mir für die Zukunft,

 

ich will dich in den Armen halten, über uns der Grabstein, ohne meinen Namen, nur deiner, nur dein wunderschöner Name, mich hat es nie gegeben, ich war ein Phantom, dein Wahn.

 

Mein Grab soll an einem anderen Ort sein, ohne meinen Körper. Den Sarg machen wir voll mit Büchern, Erde, oder Cds. Weißt du noch: CDs?

 

Ich werde mich langsam zu dir graben, ganz still, mich zu dir legen, einfach nur bei dir sein, neben dir ersticken, während über uns Leute beten zu einem Gott, während sie in die falsche Richtung beten und es erste blutige Schneeflocken schneit.

 

Und so, tot nebeneinander, wir beide, friedlich, endlich, ohne Streit. Unsere Körper zersetzen sich gemeinsam, verfaulen im Pärchentakt.

Aber wir haben noch Zeit bis zum Tod! Was machen wir solange?

 

Letztens habe ich mich auf eine Frau gelegt, auch über ihr und unter ihr gelegen, auch etwas in ihr. Tut mir leid. Ich weiß, du willst das nicht hören, ich ja eigentlich auch nicht.

 

Aber welche Wahl habe ich denn? Du bist nicht da, du bist fern, das Leben, du weißt schon, das Leben und seine Möglichkeiten. Diese Frau hat Fragen gestellt. Dich und mich betreffend. Kannst du dir das vorstellen?

 

Sie wollte wissen, ob ich jemanden liebe, wie meine letzte Beziehung war und warum es nicht funktioniert hat. Aber ich habe nichts von dir erzählt, du und ich, das bleibt unser Geheimnis, weiterhin, ich habe irgendwas erzählt, hier und da, und naja, und das Leben eben, du weißt schon, wie so ein Politiker.

 

Dann wollte sie wissen, ob ich mir vorstellen könnte, dass es mit ihr und mir passt. Verstehst du? Wissen! Sie wollte es wissen. Sie wollte eine Einschätzung der Lage, wie ich mir das denn alles so vorstellen würde und all diese Dinge. Und ich wieder Politiker, man müsse sehen, es seien noch nicht alle Ergebnisse vorhanden, nach bisherigem Stand könne ich dazu noch keine Stellung beziehen, man befinde sich in beziehungsähnlichen Verhältnissen, und so weiter.

 

Wir waren koreanisch Essen, weißt du. Und danach in einem Theaterstück, ich trug ein Hemd, aber ich lasse immer den vierten Knopf vom Hemd offen, wie ich es dir versprochen habe einmal, irgendwann. Und diese Frau hat meine Hand genommen, ihre Hand war groß, nicht deine kleinen Finger.

 

Und ihre großen Finger haben sich um meine gewunden, ihre Finger sind auf meinen auf und ab gefahren, wie man Butter auf ein Brötchen streicht, auf ein Brötchen vom Vortag. Und dann ihr fremder Kopf auf meiner Schulter – auf der linken Schulter, denn die rechte gehört nur dir – ihr Geruch, ihr Atem, kommen immer näher, auf der Bühne hat jemand von Liebe gesprochen.

 

Und dann habe ich die Augen geschlossen, und von deinem, von unserem Grab geträumt, von unserem heimlichen Grab. Es war schön wild verwuchsen, ungepflegt, verlassen, unbeachtet. Man hat gar nicht richtig gesehen, dass es ein Grab ist, sondern mehr ein kleiner Urwald, ein Rhizom, eine bisher noch nicht entdeckte Pflanze, eine neue Gattung.

 

Und dann kamen Siedler und haben die Bäume gefällt, unser Grab in Quadrate eingeteilt und den Straßen Namen gegeben und an jeder Ecke ein Starbucks errichtet und hohe Häuser überall. Und in einem von diesen hohen Häusern saß ich und habe dieses Gedicht geschrieben.

 

Ist es ein Gedicht? Ich weiß, ich bin ein Monolog. Aber ein Monolog über dich. Ist das denn nichts?

 

Und dann war da in diesem Traum noch mein Sohn, wie er dir mit seiner kleinen Hand ein Messer in dein Herz gerammt hat. Er trug seinen Pulli mit den gelben Autos darauf, du warst ganz in Schwarz, so wie immer, nur irgendwo ein Stück gelb oder rot am Körper. Aber ich will an dieser Stelle nicht zu poetisch werden. Und oben in diesem hohen Haus läuft mir dein Blut aus dem Mund. Und du stehst neben mir und putzt mir dein Blut aus den Mundwinkeln.

 

Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass es uns niemals gegeben haben wird. Erinnerung kann kein Leben füllen, mein Schatz. Und wenn die Maden das letzte Stück Leben auf Erden verschlingen, wirst du dann bei mir sein? In meinen Gedanken bist du immer, auch dann, und die Maden fressen keine Gedanken. Aber wo gehen meine Gedanken an dich hin? Wo ist dieser Ort? Und bist das überhaupt noch du, die Frau aus meinen Gedanken? Ich habe andere Erinnerungen als du, ja, aber lass uns doch nicht schon wieder darüber streiten.

 

Und die Häuser, und die nummerierten Straßen auf unserem Grab, die Pappbecher in den Starbucks – wenn das alles zusammenfällt, und wenn die letzten Eulen von den Bäumen kippen, wo bist du dann? Bist du dann bei mir? Der Tod beißt uns allen in die Ferse. Wir alle sterben im Mittelmeer und die blutigen Wellen schlagen bis Neuseeland, wo ich noch nie gewesen bin. Immerhin sind wir dann alle gleich, das Blut der Völker vermischt sich und der Tod kennt keine Obergrenze. Und wirst du dann bei mir sein? Wenn uns das Blut bis zum Bauchnabel kriecht und die letzten Kinder darin das Schwimmen lernen und das Beten wieder verlernen. Oder darin von ihren Eltern ertränkt werden und wir uns von Maden ernähren, die uns von innen auffressen, wirst du dann bei mir sein? Wirst du mir helfen, meinen Sohn zu ertränken, am Ende aller Tage im Blute der Völker?

 

Du antwortest nicht.

 

Ich schaue mir die Bronx an und fahre mit der Fähre zur Freiheitsstatue, die nichts mehr bedeutet, ich sehe schon ihre Tränen aus Blut, aber nur ich sehe das, alle anderen machen Fotos. Ich weiß, du würdest es auch sehen. Freiheit ist nur ein Wort und es bedeutet Wlan für alle im Starbucks for free. Ok, ich übertreibe, du hast Recht. Schön, dass du antwortest.

 

Und ich ziehe weiter, von Starbucks zu Starbucks, von Wlan zu Wlan, warte auf Nachrichten von dir, schreibe Nachrichten. Ich will mir noch Chinatown ansehen und den Central-Park. Ich stehe am Ground Zero. Warum gibt es hier kein Starbucks? Ground Zero. Ursprung. Weißt du noch? Damals? 9/11? Wir waren zusammen, es war auch ein Weltuntergang.

 

Bitte geh nicht zurück zu diesem Mann, diesem Matthias. Ihr werdet irgendwann ins Bett gehen wie zur Arbeit und eure Orgasmen planen, wie 14 Tage Urlaub auf Lanzarote. Sag mir, wäre es nicht Liebe, sich gegen diese Einbauküchenliebe zu entscheiden?

 

Nein, du musst das jetzt nicht beantworten. Ist schon gut.

 

Was? Ob ich Tinder habe?

Nein. Nein, hab ich nicht.

Also doch schon,

ok, ein bisschen, ich hab einen Account, 

aber ich mach das kaum.

Hast du Tinder?

Jeder hat Tinder, ich weiß, schrecklich oder?

Tinder ist das Starbucks des Internets, oder?

Nein, blöder Vergleich, der Vergleich hinkt.

OK, hast Recht.

Schön, dass du antwortest.

 

Weißt du, wir müssen auch an die anderen Menschen denken. Ja! Wenn du oder ich mit jemandem zusammen wären oder du oder ich jemanden treffen würden, und aber eh nur du oder ich an dich oder mich denken müssten, was soll das dann werden?

 

Ich kann dich einfach nicht vergessen. Ich habe es versucht: ich habe ja versucht, die Stelle in meinem Gehirn rauszureißen, in der du lebst. Mit einem Skalpell, an einem Sonntag, vor dem Spiegel im Badezimmer.

 

Glaubst du mir nicht?

 

Aber ja, ich will an dieser Stelle nicht zu poetisch werden.

 

Nein, leg jetzt bitte nicht auf, wir reden doch gerade so schön. Ja, ich weiß, dass es bei dir schon spät ist. Der Anruf kostet mich 1,39 Euro, dich gerade einmal 59 Cent pro Minute.

 

Ich gebe dir das Geld, das ist kein … Hallo? Hallo???

 

Ich könnte auch morgen einen Flug vom JFK zu dir nach … bist du noch dran?

 

Was? Ah, hey. Verbindung. Ja, diese scheiß Verbindung.

 

Jetzt ist es besser, ja. Was sagst du? Nein. Nein.

 

Achso. Nein. Mit der ist schon lange Schluss. Nein, da ist niemand sonst. Es gibt diese Sandra. Also ich meine, es gibt sie halt. Es gibt sie und es gibt mich auch. Sie arbeitet irgendwo und macht Yoga, sowas halt, ja. Wir haben uns einige Mal gesehen, aber …

 

Hallo. Was?

Achso. Ja.

Verstehe Ja

Ne Warte Lass mich

Das verstehe ich doch

Ja Ja Ja Naja

Nein So war das nicht gemeint

Lass mich doch

Ich wollte doch nur

Ok Ist gut

Hallo Hallo?

 

Hm Was sagt du?

Du hast geheiratet? Warum? Wann ist das geschehen? Warum hast du das getan? Du warst ganz in Weiß? In einer Kirche? Hast deine Liebe beschworen? Vor einem Gott, an den wir nicht glauben?

 

Ja, ich weiß, dass es schon lange her ist, du erzählst es mir jedes Mal, aber ich vergesse es immer wieder, ich will und kann es einfach nicht glauben.

 

Wir haben uns unsere Liebe geschworen schon vor langer Zeit – zählt das denn nicht mehr?

 

Damals, wir waren so jung auf dem Feld, im Heu, in der Sonne, deine Augen. Auf der Fusion, du und ich und nur das LSD. Das Berghain und nur das LSD, unsere Wohnung und nur das LSD. Der Volkspark Friedrichshain und du und ich und nur das Ketamin. Du bist so schön auf LSD, du bist so wunderbar auf MDMA, du schwebst so wunderschön auf Ecstasy.

 

Ich will dir noch einmal eine Pille auf die Zunge legen und dich küssen, alles vergessen, mich in dir vergraben, tanzen, bis alles verschwindet, bis Montagmorgen und dich dann ins Bett tragen.

 

Als die Welt nur aus Sonne und Mond und Sternen und dir und mir bestand – und ein bisschen LSD. Und später, als du mir die Spritze in den Arm gesteckt hast und dann sagtest, du würdest nur drücken, wenn ich dich nicht lieben würde. Und von diesem Moment an haben wir nie wieder darüber nachgedacht, Heroin mal auszuprobieren.

 

Und ich habe eine Ausbildung gemacht, nur für dich, und ich lebe nur für dich, ich arbeite jeden scheiß Tag, nur für dich, ich sterbe nicht, nur für dich!

 

Was wäre, wenn ich einfach vor deiner Tür stehen würde? Ja, Haustür! Ich stehe einfach da, du und dein Mann, ihr kommt aus dem Haus, ihr habt die Wocheneinkäufe dabei und ihr schaut mich an. Ich stehe einfach da, plötzlich. Was wäre dann? Ja, sag schon! Was wäre dann?

 

Was meinst du, warum ich in New York bin? Damit ich nicht einfach so, plötzlich, vor deinem Haus stehen, vor eurem Haus, vor euren Wocheneinkäufen stehen kann. Warum stehst nicht du einfach so, plötzlich, vor meiner Wohnung in Berlin?

 

Ja, ja, ich weiß. Es tut mir immer noch sehr leid, es ist lange her – die Frau hat mir nichts bedeutet, nur ein Körper, ein Mitbringsel einer langen Nacht, ein Versuch des Vergessenes, gemeinsames Lecken von klaffenden Wunden.

 

Ich hatte dich nicht erwartet, ich hatte nicht mit dir gerechnet, was soll ich sagen, es gibt keine Entschuldigung. Ich höre deinen Schrei immer noch, alle haben ihn gehört, er ging durch das ganze Haus, durch ganz Berlin, bis nach New York, ich höre ihn auch hier noch immer, in der Amsterdam Avenue. 

 

 

 

 

Fortsetzung folgt