Tagebuch des Versagens


 

 

 

 

Tagebuch des Versagens

 

von Robert Klages

 

 

 

 

Eigentlich
Seit ich angefangen habe zu denken
Wollte ich immer Literatur machen
Oder besser
Nicht Literatur machen
Sondern als Schriftsteller leben
(Peter Handke)

 

 

Glossar:

TB = Tagebuch

Manu = Manuskript

Prot = Protagonist

KG = Kurzgeschichte

AA = Arbeitsamt

Bib = Bibliothek

 

 

 

 

4.6.14

 

Wieder keine Nachrichten von Verlagen oder Agenturen.

Ich muss wohl Geduld haben. Vielleicht sollte ich mich schon mal nach Jobs umsehen, denke ich manchmal. Dieses Warten macht einen ja ganz irre. Aber mich nimmt eh keiner. Abgebrochenes Germanistik-Studium, kein Praktikum, keine Berufserfahrung, das sieht mies aus, echt mies. Hab ja nicht mal eine eigene Bleibe.

Aber ich muss einfach schreiben. Manche Leute müssen essen, ich muss eben schreiben. Also essen auch, is ja klar, aber Schreiben ist ein Grundbedürfnis bei mir. Irgendwer wird schon mein Talent erkennen und meinen Roman veröffentlichen. Und dann geht’s los, ich hab schon viele Idee für neue Texte. Ich muss nur Geduld haben.

Wenn Steffi das Kind zur Welt gebracht hat, dann such ich mir einen Job. Hab ich versprochen, muss ich dann auch machen. Ist doch klar, versteht sich von selbst. Ich hoffe, dass sich vorher noch ein Verlag meldet und ich einen Vertrag machen kann. Und hoffentlich ist das Kind auch von mir. Aber wenn nicht, brauch ich auch keinen Job, glaube ich. Dann schmeißt mich die Alte aber bestimmt auch raus. Job muss wohl sein, so oder so. Aber erstmal warten was wird. Vielleicht kommt ja noch was.

 

5.6.14

 

Absage von Agentur Simon bekommen:

Bin jetzt ein bisschen enttäuscht. Bei denen dachte ich nämlich echt, die hätten Ahnung von Literatur. So ein Scheiß. Wenn die nicht schnallen, was ich da geschrieben habe, wer dann?

Was da wohl schief gelaufen ist bei denen? Was meinst du, liebes Tagebuch?

Ich sollte mich betrinken?

Finde ich auch!

10.6.14

Hast du mich vermisst, liebes Tagebuch. Wollte ja jeden Tag schreiben. Du bist ja ein TAGEbuch, und kein WOCHENbuch. Verstehste? Klar verstehste, bist ja irgendwie ein Teil von mir.

War jedenfalls bei meinen Eltis in der Heimat. War ja Pfingsten, wollte einfach mal n bisschen ausspannen, alle Viere gerade sein lassen, usw. Aber die Alten liegen mir auch nur in den Ohren. Was denn nun aus dem Kind werden soll, wann ich mir einen Job suchen würde, und der ganze Mist. Die gehen mir nur auf die Eier. Ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, wollten sie wissen. Das muss ich Steffi aber echt mal fragen, haben sie schon Recht.

Mein Vater hat aber endlich meine Texte gelesen. Hat nur die Stirn gerunzelt. So wie früher, als ich besoffen den Teppich vollgekotzt habe. Kreativ sei ich ja, sagt er, aber ich solle mir vielleicht mal die grammatischen Regeln anschauen. Spießer! Immer nur Regeln hier, Regeln da! Als Künstler kennste keine Regeln, so siehts nämlich aus!! Wenn ich mich an Regeln halten wollte, könnte ich auch gleich Verkehrspolizist werden. Bin aber Künstler.

Bei der Grammatik, das machen dann ja eh die Lektoren. Wofür werden die denn sonst bezahlt? Die müssen ja auch was leisten für ihr Geld.

 

11.6.14

 

Schon wieder ne Absage reingeflattert: Ich sollte aufhören zu schreiben, die Sache an den Nagel hängen, bei meinen Leisten bleiben, aufhören, nach den Sternen greifen zu wollen …

Muss halt versuchen, mein Projekt selbst zu finanzieren. Wenn es sich dann gut verkauft, hab ich das Dinero ja wieder raus. Voll easy. Ich geh mal Steffi fragen, ob sie mir Geld leid, die sitzt in der Küche und kocht irgendsoeinen Scheiß. Schwangerenfras, voll ekelig. Bestell mir gleich wieder ne Pizza.

XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

Sie leid mir kein Geld. Hat nur wieder rumgeschrien. Wie immer. Investieren muss sie, hab ich gesagt. Aber hat sie irgendwie nicht verstanden. Sie hats natürlich auch nicht leicht zurzeit, versteh ich ja. Oh man, die schreit immer noch aus der Küche. Die soll sich mal beherrschen! Wenn du das hören könntest, liebes Tagebuch … dann würdest du auch ins Denken kommen.

13.6.14

Hallo Martin, hier spricht dein Tagebuch!

Ich hab mir deinen Dung, den du hier ohne Rücksicht in mich hineinschreibst, nun eine Weile angetan. Ich bin ruhig geblieben und habe versucht, meinen Job zu machen. Man kann es sich ja schließlich nicht aussuchen, wessen Tagebuch man ist.

Aber ich kann nicht mehr!

Du bist ein selbstverliebter, dämlicher Volldepp, der sich vollkommen überschätzt. Du wirst niemals Autor werden. Such dir einen Job, verdammt!

Dein dich verachtendes Tagebuch!!

 

14.6.14

 

Tagebuch??? Hast du das geschrieben?

Bin ich bekloppt??

Das war bestimmt die Steffi, die labert auch immer sowas, über Selbstüberschätzung und so weiter. Hat einfach mein Tagebuch gelesen, liebes Tagebuch. Das geht ja mal gar nicht! Voll das no go!! Der werd ich erstmal was erzählen, wenn die von der Arbeit kommt. Hau mich aber erst nochmal hin, habs vorgestern voll übertrieben. Hab grad auch schon gekotzt.

XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

Oh man, grad heftig mit Steffi gestritten!! Aber wenn die auch lügt??!!! Wer soll das denn sonst geschrieben haben? Schreibt sich ja nicht von alleine!!!

Hab klar auch überlegt, ob ich das selber war. War ja ziemlich knülle vorgestern, man o man. Ich darf ja eigentlich nur an den PC, wenn Steffi arbeitet oder sonst irgendwie weg ist. Und auch wenn sie da ist, sitz ich am liebsten auch am PC, da geht sie mir nicht auf den Sack!! Soll mir ja schließlich einen Job suchen. Geht ja heute alles über Internet. Hab die Seite vom Arbeitsamt immer bereit, kann ich ganz schnell aufmachen, wenn Steffi ins Zimmer kommt.

Ich war ihr wieder zu laut und betrunken. Immer derselbe Scheiß: „Ich muss mich entspannen, ich muss morgen arbeiten, ich muss Geld verdienen für das Kind und für die Wohnung.“ Immer nur MUSS MUSS MUSS, mehr kann die nicht!!!   

Aber sie war echt nicht da!  Die war wieder bei ihrem Macker, diesem Ramonn-Arsch, der nicht mal richtiger Spanier ist. Dann kann die das gar nicht geschrieben haben!!

Aber ich schreib doch nicht einfach in mein Tagebuch und tu so, als wäre ich mein Tagebuch!! Voll daneben!! Hilf mir, liebes Tagebuch. Sag doch was!!!!!

 

15.6.14

 

Hab erstmal nochmal gepennt. Bin jetzt ein bisschen erholt von dem Schock.

Dann wieder Schlag ins Gesicht: Absage. Ich zähl schon nicht mehr mit! 

Hab aber beschlossen, mich nicht unterkriegen zu lassen! Ich werde weiter schreiben! Und wenn ich nie und niemals eine Agentur oder einen Verlag finden kann, ich werde schreiben. Und wenn ich achtzig Stunden pro Woche schuften muss, ich werde schreiben. Und wenn ihr mir beide Hände ausreißt, ich werde schreiben. Wenn ihr mich an einen Stuhl fesselt und knebelt, ich werde schreiben. In meinem Kopf werde ich schreiben, und es irgendwann zu Papier bringen. Und wenn ihr alles vernichtet, was ich geschrieben habe, wenn ihr meine Erinnerung daran löscht, ich werde schreiben. Und wenn ihr die Schrift verbietet und ein neues Alphabet erfindet, in dem das Schreiben von Geschichten unmöglich ist, ich werde schreiben. Selbst, wenn ihr mich tötet, werde ich schreiben. Obwohl es dann schwierig werden könnte.

Der einzige Weg, mich vom Schreiben abzuhalten, ist, mich zu töten!!!

Ich sage für heute gute Nacht, liebes Tagebuch!

 

18.6.14

 

Heute keinen Bock, was zu schreiben. Absage von Matthes & Seitz. Voll egal. Ich schau Fußball. Holland gegen Australien. Steht 1:1 gerade.

Literatur kann mich mal am Arsch!!

 

21.6.14

 

Am Abend das Deutschlandspiel mit Steffi geschaut. Weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam, hat sich einfach so ergeben. Fußball verbindet eben. Für 90 Minuten ist die Republik vereint, sind sich alle Menschen gleich, wollen alle das Gleiche, auch, wenn sie es manchmal nicht zugeben wollen.

Die erste Halbzeit voll langweilig, die zweite dann … aber is egal jetzt, will hier jetzt keinen Spielbericht verfassen.

Keinen Bock!

Nach dem Spiel sofort wieder mit Steffi gestritten. Nach 90 Minuten geht das Leben eben weiter.

Die versteht das halt einfach nicht: Wenn man Schriftsteller ist, muss man schreiben, da kann man nicht arbeiten. Ein Dachdecker deckt Dächer, ein Berater berät, ein Bäcker backt, ein Zeichner zeichnet, und ein Schriftsteller stellt eben Schriften. Aber das rafft die einfach nicht. Die vom Arbeitsamt ebenso wenig. Muss bald zu so einer Fortbildung, Bewerbungen schreiben üben. Ich und Schreiben üben! Man sagt Picasso ja auch nicht, er solle erstmal Bauzeichnungen anfertigen.

 

Pause hier

 

25.6.14

 

Wieder Absagen erhalten. Hab mich tatsächlich mal nach Jobs umgeschaut. Oh man, das klingt nicht so gut, sieht echt nicht so gut aus. Nur Scheiß-Jobs, und wenn, dann passe ich überhaupt nicht in die Anforderungen, habe gar keine Qualifikationen.

Die Tussi vom Arbeitsamt hat gemeint, ich könne ja bestimmt gut mit Sprache umgehen. „Klar“, hab ich gesagt. „Das wäre doch schonmal was“, hat sie gesagt. „Klar“, hab ich gesagt. Ich würde einen „Brotjob“ benötigen, hat sie gesagt, das Arbeitsamt sei keine Künstlersozialkasse.

Die gibt es übrigens auch, die Künstlersozialkasse. Aber da muss man irgendwie nachweisen, dass man künstlerisch aktiv ist. Keine Ahnung, soll ich denen meine Texte schicken, oder wie? Die Tussi vom Amt rät mir davon ab. „Ich könne froh sein, wenn ich überhaupt …“, dann bricht sie mitten im Satz ab. Die ist immer so voll nervös und unfreundlich, wenn sie mit mir reden muss. Ich glaube, die kann mich voll nicht leiden. Egal. Ich die aber ja auch nicht!

 

28.6.14

 

Hab erstmal geschaut, was die Konkurrenz so schreibt: Houellebecq zum Beispiel find ich ganz gut. Peter Handke auch. Die können schon schreiben, kann man nix sagen. Herta Müller allerdings nicht, find ich. Die schreibt wie ein Kind. Keinen Plan, was die Leute an der finden.

Hab auch mal was Ausländisches gelesen: Gabriel García Marquez, Samuel Beckett und Cesare Pavesi zum Beispiel. Die Konkurrenz ist groß, und schläft natürlich nicht. Die Konkurrenz schläft nicht. Sagt man so. Manche von denen sind jetzt gerade natürlich schon tot. Die stellen keine Gefahr mehr da, denkt man. Stimmt aber nicht, weil die verkaufen ja ihre Bücher immer noch. Nur schlafen tun die dann eben nicht.

Auch viel Fußball gesehen: Deutschland gegen USA 1:0. Voll öde. Aber immer noch besser als Lesen. Lesen ist im Grunde voll langweilig. Meine eigenen Texte lese ich gerne, da kann man ja auch immer einschreiten, also was verändern, wenn einem was nicht gefällt. Wenn ich ein richtiges Buch lese, dann kann ich nicht auf einmal sagen: der oder der Typ sollte sterben oder alles sollte spannender werden. Ist ja alles schon gedruckt.

Hab die oben genannten Bücher auch nur kurz durchgeblättert und dann eine Zusammenfassung im Internet gelesen. Das muss reichen, ich kann mich nicht mit jeden Scheiß befassen!! Hab ja selber viel zu tun. Wenn ich alles lesen würde, was die Leute so schreiben, würd ich ja zu nix mehr kommen. Geht gar nicht!!

 

30.6.14

 

Irgendwie keine Absagen heute, ich mach mir Sorgen. Das Schlimmste für einen Künstler ist Nichtbeachtung. Absagen=OK, Beschimpfungen=OK, Korrekturen=OK, Alles=OK, aber Nichtbeachtung ist absolut nicht OK und bedeutet den stillen Tod der Kunst. Wenn ein Werk zerrissen wird, verachtet, verboten, verbrannt, dann wird es wenigstens beachtet und ist zu einem Teil der Kunstindustrie geworden. Aber wenn einfach gar nichts passiert, DAS ist das Allerschlimmste. Ich kann es gar nicht häufig genug betonen. Stell dir vor, du überkippst dich zu Protestzwecken mit Benzin, und niemand registriert dich. So fühl ich mich: schmerzvoll und unbeachtet dahinbrennend.

Ein Tischler macht Tische, ein Bäcker backt, … ach, das hatten wir schon. Aber wenn ich nun nicht mehr schreibe, dann bin ich auch kein Schriftsteller. Vielleicht bin ich eh nur ein Schriftsteller für mich selbst. Ich bin ein arbeitsloser, idiotischer, vertrunkener Möchtegernpoet. Und wenn ich nicht mehr schreibe, dann bin ich nur noch ICH, nur noch ein arbeitsloser, idiotischer, vertrunkener Irgendwas.

Wenn ich aufhöre zu schreiben, vielleicht ist das Leben dann schön?!

Viele Poeten sollen ja mittellos gewesen sein. Henry Miller zum Beispiel. Grandioser Typ. Ich verstehe auch nicht, warum mir das so lange vorenthalten wurde. So, wie früher Bukowski. Da quält man sich zu Schulzeiten durch Goethe, Schiller und die ganzen Kulturtreiber, und dann zeigt einem einer, dass das, was Bukowski macht, auch Literatur ist. Wozu dann die vorherige Qual?

Aber ich will hier jetzt keinen pädagogischen Essay verfassen.

Kein Bock.

4.7.14

Deutschland gegen Frankreich gewonnen! Die Welt ist so schön. #

 

5.7.14

 

Ich glaube, die Literatur macht Sommerpause. Lange nix mehr gehört, von Agenten, Agenturen und so weiter. Vielleicht schauen die auch alle Fußball. Eins von beiden geht nur: Literatur oder Fußball. Das ist wie Feuer und Wasser; entweder löscht das eine das andere, oder das andere lässt das eine verdampfen. Verstehste, liebes TB!! So ist das nämlich.

Ich nenn dich ab jetzt nur noch TB, liebes Tagebuch, ist OK, oder? Hab ich mir so überlegt. Ist ökonomischer.

 

8.7.14

 

Deutschland Brasilien 8:1 oder so. Geil. Sogar Steffi und ich liegen uns in den Armen.

Deutschland ist Weltmeister.

Wir sind Weltmeister.

Ich bin Weltmeister.

Endlich.

Also noch nicht, war ja erst Halbfinale.

Bin aber betrunken wie ein Weltmeister. Jaja.

 

22.7.14

 

Die letzten Tage wieder nur Stress mit Steffi gehabt. Das Übliche. Trau mich schon gar nicht mehr, dir davor zu berichten, liebes TB. Es ist ja immer dasselbe.

 

Heute dann aber das Finale. Deutschland gegen Argentinien. Vielleicht vertragen wir uns da wieder, so wie beim letzten Sieg. Mal abwarten, bin echt nervös und angespannt, wer wohl gewinnt.

Unterdessen Absage vom Diogenes Verlag erhalten. Interessiert mich schon kaum mehr!

Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich überhaupt für ein Manuskript verfasst habe.

 

8.8.14

 

Hallo liebes Tagebuch. Ich konnte nicht schreiben, war erstmal im Krankenhaus. Aber keine Sorge, mir geht’s jetzt wieder gut. Hatte einen Nervenzusammenbruch, sagen die Ärzte. Das Essen hier ist besser als der Schwangerenfraß zuhause von Steffi, aber das nur nebenbei. Ich darf noch einen Tag bleiben, zahlt alles die Krankenkasse, und die zahlt der Staat. Steffi ist übrigens auch hier. Und unsere Tochter auch. Monika heißt die übrigens. Hab ich auch noch gar nicht erzählt, oder? Zu dem Namen will ich nichts sagen. Meine Idee war das nicht!

Steffi ist aber in einem anderen Raum, ich wurde rausgeschoben, weil „die Mutter“ Ruhe braucht und sich nicht aufregen darf. Die mussten Steffi richtig mit Medikamenten ruhig stellen, ich habs genau gesehen!

Der Ramon Arsch war auch hier, aber bleiben durfte nur ich. „Nur der Vater“, hat der Arzt gesagt, als er gemerkt hat, dass wir nicht gut aufeinander zu sprechen waren. Da ist der Ramon abgezischt und Steffi hat angefangen zu weinen.

Aber die Kleine ist voll von mir, man sieht das richtig, liebes TB. Wenn du sie sehen könntest, das wäre schön.

Aber deswegen war ich gar nicht im Krankenhaus. Das war eher so Zufall!

Das war nämlich so:

Mir ging es eh schon scheiße, wiedermal. Steffi war irgendwie auch verschwunden, wir hatten uns mehrere Tage nicht gesehen und ans Phone ist sie auch nicht gegangen. Und dann kamen auf einmal so vier Absagen von Verlagen und Agenturen auf einmal rein. Voll der Schock. Das hab ich einfach nicht verkraftet. Als hätten die sich abgesprochen gehabt, mich fertig zu machen. Die wollen mich auslöschen, ich bin mir sicher, liebes TB! Und fast hätten sie es auch geschafft. Ich hab ne Flasche Rum geleert, für gewöhnlich geht’s dann ja ein Bisschen besser, aber diesmal nicht, diesmal wurd irgendwie alles nur noch schlimmer, nur noch unerträglicher. Ich hab nicht gewusst, wohin, wie das alles werden soll. Ich wollte einfach nicht mehr Ich sein. Ich wollte irgendjemand sein. Niemand besonderes. Einfach nur jemand, der nicht schreibt, der dieses Leben beherrscht, der nicht Ich ist einfach. Da hab ich mir ne Rasierklinge genommen und am Handgelenk, an den Adern rumgeschnitten. Ich stand voll neben mir, liebes TB. Hab ich vorher noch nie gemacht, sowas, musst du mir glauben! Ich dachte auch nicht, dass das so einfach geht. Ratsch, war ich am Bluten, als würde man durch Butter schneiden. Und ich hab geblutet wie ein Schwein, das ganze Badezimmer voll, alles rot. Sowas haste noch nicht gesehen, liebes TB! Dann hab ich natürlich voll die Panik geschoben. Mir wurd richtig schwindelig. Hab gedacht, das wars, jetzt isses vorbei. Mein Leben zog an mir vorbei; die ganze Scheiße. Und das konnte ich nicht ertragen. Bei der Schulzeit ist es mir zu viel geworden. Ich wollte diese ganze Scheiße nicht nochmal sehen. Hab dann mein Samsung Galaxie rausgekramt und „Krankenwagen“ gegoogelt. Wieder voll die lahme Internetverbindung hier im Haus. Da hab ich mit Steffi schon so oft drüber geredet, das kann so nicht weitergehen. Der Mensch muss in Null komma nix im Internet sein heutzutage. Hab ich Steffi vorhin auch nochmal gesagt, aber sie meinte nur, ich soll die Fresse halten. Fotze die! Dabei hatte ich ja den Salat gehabt, mit schneller Flat wäre das vielleicht alles gar nicht passiert: Das Phone lädt und lädt, und ich liege da in meinem Blut und muss nochmal miterleben, wie der Rektor sagt, ich solle aufhören zu schreiben, es gebe schöne Berufe, die auch viel mit Sprache zu tun hätten. Dann endlich ein Ergebnis: ich konnte den Screen schon gar nicht mehr sehen, die Hände voller Blut hab ich das ganze Phone versaut. Und dann gabs da bei Google erstmal den Wiki-Eintrag. Aber ich wollte ja nicht studieren, ich wollte Hilfe. Als zweiter Treffer wird dann „Rufnummer für den Notfall – Berlin.de“ angezeigt. Ich da draufgeschmiert, wieder voll lange am Laden. Wenn ich wieder zuhause bin, muss ich dringend den Anbieter wechseln, soviel steht fest. Und dann wieder, fährt so mein Leben an mir vorbei: Musste nochmal durchmachen, wie meine erste Freundin mit mir Schluss macht, weil ich ihr mein erstes Liebesgedicht vor der Klasse vorgetragen habe. Hat mich sogar geohrfeigt und geweint. Auch so eine Fotze gewesen. Und dann, als die Seite endlich geladen war:

Die Seite wurde nicht gefunden.

Das von Ihnen gewünschte Angebot ist umgezogen

 

Scheiß Berlin! Kann man nicht anders sagen. Muss man so sagen. Berlin kann nix!!

Also wieder warten, wieder laden, wieder mein Leben an mir am vorbeiziehen:  meine Mutter, die heulend meine Gedichte zerreißt und mich zum Psychiater schickt. Der hat dann immerhin meine Gedichte gelesen. Und auch interpretiert. Meinte, ich hätte viel Hass in mir, Unmut, und das alles seien Projektionen von irgendsoeinem Komplex. Aber immerhin meinte der, ich solle ruhig weiter schreiben. Aber nur heimlich. Zeigen sollte ich meine Gedichte auf keinen Fall jemandem, davon hat er dringend abgeraten. Aber Schreiben wäre gut für mich, so als Therapie, bevor ich noch jemanden ernsthaft gefährden würde. Als das Phone dann endlich mit Laden fertig war, war ich auf der Seite vom Bezirksamt Treptow-Köpenick, warum auch immer, ich wohn doch in Moabit. Da wurds mir zu bunt, hab einfach 110 gedrückt. Und der Typ am anderen Ende will mit mir reden: Wo ich wohne, wer ich bin, wie schlimm es ist, und so weiter. Ich hab ihm dann die Lage geschildert: Er meinte, dass es sich um eine Notfallnummer handeln würde, wenn ich Probleme mit den Deutschen Buchverlagen hätte, sollte ich gefälligst eine andere Nummer wählen und jetzt die Leitung freimachen. Der hat gar nix verstanden, gar nix. Kein Feingefühl für brenzliche Situationen. Bin dann aus dem Haus raus, auf der Straße haben mich alle angeglotzt. Ich hab die Situation dann gut zu nutzen gewusst und einen Text vorgelesen, hab ja zum Glück immer einen in der Gesäßtasche. Den trag ich immer mit mir rum, wer weiß, wann man mal einen Text braucht. Bin nur leider nicht bis zum Ende gekommen, bin wohl in Ohnmacht gefallen.

Dann wieder im Krankenhaus aufgewacht, Arm verbunden, Schläuche in mich rein und aus mir raus. Infusion glaub ich, oder so. Dann kam so ein junger Arzt und hat irgendwas gefaselt, kann ich jetzt gar nicht mehr wiedergeben, hab kein Wort verstanden. Hab dann nach meinem Phone gefragt. Er hats mir immerhin gegeben, meinte aber, dass er das eigentlich nicht machen dürfte und so. Voll der Clown, war froh, als der wieder weg war. Steffi hatte schon tausendmal versucht, mich anzurufen. Und dann les ich so eine Nachricht von der, dass sie auf dem Weg ins Krankenhaus sei, wegen dem Kind im Bauch und so. Hab dann diesen Arzt-Clown wieder herbeigerufen und ihm alles erzählt. Der wusste überhaupt nicht, was er machen sollte. Hat dann seinen Chef gefragt, und irgendwie haben sie mich dann in eine andere Abteilung geschoben. Der Ramon-Arsch wie gesagt auch da, Steffi schon voll am Schreien, ein verklebtes Baby in den Armen, glücklich irgendwie, aber irgendwie auch nicht. Monika. M o n i k a. MO-NI-KA.

Was ich gemacht hätte, warum ich hier sei, wieso ich nicht an mein Phone gehen würde. Wieder mal nur voll die Vorwürfe. Dieser Ramon stand da, auch nur so halb glücklich, aber wie so ein Türstehen, wie so ein Beschützer. Hat dann angefangen, mich zu beleidigen. Aber ich lass mir ja nix gefallen, schon gar nicht von dem. Dann kamen so Pfleger und haben ihn zurückgehalten. Wer denn nun der Vater sei, hat einer gefragt, der wohl sowas wie der Chef dort war. Steffi hat dann auf mich gezeigt und angefangen zu weinen. Dann hab ich auch angefangen zu weinen. Das Wunder der Geburt, liebes Tagebuch.

Jetzt, wo das Ding (Monika) endlich draußen ist, wird ja vielleicht alles besser.