Eine deutsche Bestie

 

 

 

Es dauert nicht mehr lange, dann wird er den Saal des Landgerichts Paderborn betreten. Dann werde ich ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Ihn, über den ich solange berichtet habe, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Viel wurde über ihn geschrieben, über die „Bestie aus Höxter“, über das, was im „Horror Haus von Höxter“ geschehen ist. Ein ganz normal hässliches Haus, irgendwo in der Provinz. Hier sollen Dinge geschehen sein, die in der Kriminalgeschichte Deutschlands bisher einmalig sind. „Die Staatsanwaltschaft wirft dem 46-jährigen Wilfried W. und seiner ein Jahr älteren Ex-Frau Angelika W. zweifachen Mord durch unterlassene Hilfeleistung sowie mehrfache Körperverletzung vor.“ So heißt es in der Anklageschrift. Es klingt harmlos im Vergleich zu dem, was sich wirklich abgespielt hat. Doch „Horror“ ist das falsche Wort. Es klingt so, als seien die Taten nicht von Menschen verübt worden. Aber es ist so schön griffig, „Horror-Haus“, „Horror-Haus von Höxter“. Wenn es einmal da ist, geht es nicht mehr weg, so wird es von nun an nur noch genannt werden, dieses einfache Haus im Saatweg 6 in Höxter-Bosseborn. Auch ich werde es nie mehr los. Ich dachte oft, nun sei die Recherche vielleicht abgeschlossen, aber nie war dem so. Dieses Haus steht in uns allen. Wir können es abreißen, aber es kommt zurück. Es entsteht immer dort, wo wir nicht hinsehen.

 

Und ich habe viel darüber geschrieben. Es gibt so viele Fassetten dieser Story, ich könnte sie unmöglich alle aufschreiben. Die Leser gierten nach jedem Detail. Und ich hatte mir alles zurechtgelegt: Erst gab ich ihnen die Dachkammer, wo Wilfried W. die Frauen angekettet haben soll, tagelang, bis sie sich selbst eingenässt haben. „Das Katzenzimmer unter dem Dach“ habe ich den Artikel genannt, so, als habe er selbst es so genannt. Und am nächsten Tag habe ich ihnen ein Statement des Anwalts präsentiert: ihm sei sein Mandant Wilfried W. als ein ganz normaler Mensch vorgekommen, seine Frau sei die eigentlich treibende Kraft hinter den Gräueltaten gewesen. Was soll er sonst auch sagen, als Anwalt, er macht halt seinen Job. Aber die Aufregung war groß. Die Bestie ein Mensch? Unmöglich, daran auch nur zu denken. Doch eine Bestie ist immer auch ein Mensch, das wurde den Leuten langsam klar. Ein Mensch mit einer Geschichte. Und am nächsten Tag schrieb ich über eine Aussage des Nachbarn, dass Wilfried W. äußerst aggressiv geworden sei, schon bei Kleinigkeiten. Da fühlten sich die Leser bestätigt, ich habe es in den Kommentarspalten verfolgt. Gehängt gehört so einer, verbrannt, geschächtet, hingerichtet. Wut in der Nation. Auf eine Bestie, die Frauen durch Kontaktanzeigen in das „Horror Haus“ gelockt und dort gequält haben soll. Gequält mit einer gewissen Art von … Kreativität … ja, man muss es so sagen. Vielleicht ist es das, was den Leuten an jedem neuen Detail so gefällt: seine Kreativität. Er hat ihnen nicht einfach nur weh getan, sie nicht einfach nur geschlagen, sie nicht einfach nur gequält. Er hat sich immer neue Sachen einfallen lassen, wie bei einem Spiel. Sadomasochismus sollte zunächst eine Rolle gespielt haben. Aber Sexualexperten waren früh der Meinung, dass es mit Sex wenig zu tun habe. Ebenso wenig mit Machtausübung. Die Psychologen fanden nicht wirklich einen Zugang zu Wilfried W. Deswegen ist das alles so spannend. Nicht nur Wilfried, auch Angela. Denn sie waren ein Duo. Aber niemand spricht von „Bonny und Clyde aus Höxter“, denn das wäre zu romantisch.

 

Mit der Zeit und den immensen Artikeln zum Thema verfiel der Konjunktiv irgendwann vollständig. Er hat es getan, und er war auch schon bald nicht mehr der „mutmaßliche Täter“, sondern „der Täter“, die Bestie, schlicht Wilfried W., Wilfried Wagener. Bald wurden auch Bilder von ihm gezeigt, obwohl er ja noch lange nicht verurteilt war, Bilder von früher, die er für die Kontaktanzeigen im Internet verwendet hatte, auf denen er keck mit kurzer Sporthose auf dem Sofa liegt, jung, dörflich, eigentlich ein normales Bild eines Mannes der eine Frau sucht. Wen so etwas schockt, das Bild an sich, der war noch nie auf einem Dating Portal. Denn dort ist es nicht, wie es die Werbeanzeigen versprechen: Hübsche Menschen suchen andere, hübsche und gebildete Menschen. Doch dieses Bild von Wilfried W. machte den Menschen Angst. Denn mit diesem Bild, so normal es nun mal war, hatte er mehr als 170 Frauen angelockt. Es war ein bisschen obszön, die kurze blaue Hose, wie sie Fußballspieler früher trugen, die nackten Beine auf dem Sofa hingelegt. Leg dich zu mir, will das Fotos sagen. Er zeigt, was er hat: sportliche Beine, ein nettes Lachen. Vielleicht hat er mal Fußball gespielt. Alle auf dem Dorf haben mal Fußball gespielt.

Was die Leser so aufregt: Das es funktioniert hat. Viele Frauen kamen Wilfried W. besuchen, übernachteten auch bei ihm; er holte sie ab, brachte sie ins Haus. Seine Frau tat so, als sei sie seine Schwester. Manche fanden das merkwürdig, dass er mit seiner Schwester in einem Haus lebte. Aber sie nahmen es hin. Er war ihre letzte Chance auf Liebe. Dafür nahmen sie viel hin. Geschlagen wurden sie schon von anderen. Verlassen ebenfalls. Und auch, wenn sie es sich nicht eingestehen wollten, hat das Verlassenwerden mehr geschmerzt als die Schläge.

 

Und am Anfang war das Bild von Wilfried W. mit der blauen Hose und den nackten Beinen. Und was Deutschland an diesem Bild so aufgeregt hat ist auch, dass sie Einblick erhielten in die Einsamkeit, die jeden ereilen konnte. Wenn du dich scheiden lässt mit Ende Vierzig, den Job verlierst, wenn mal alles nicht so gut läuft, mehrere Jahre; du hast nur deine kleine Bude, keine Freunde mehr, kein Geld zum Ausgehen, die Katze stirbt, du trinkst zu viel, wirst fett, resignierst, suchst die Kontaktanzeigen durch – und hier könnte dir Wilfried W. in seiner kurzen blauen Hose begegnen. Und es könnte dir gefallen. Kein Mann erster Klasse, kein Brat Pitt, aber ein Mann, und er sieht nett aus, er lächelt, und er ist auch einsam, er hat eine Kontaktanzeige geschaltet, genau wie du, er hat den Mut dazu gehabt, er sucht eine Frau, er sucht dich, er will dich befreien von deiner Einsamkeit, er ist deine letzte Chance. Ruf ihn doch einfach mal an. Was kann schon passieren? Gehen kannst du immer noch. Attraktiver und jünger wirst du selber auch nicht mehr. Nicht schlanker, nicht wohlhabender. Aber will er dich überhaupt? Im Vergleich zu den anderen, fetten, schmierigen, barhäuptigen Männern in den Kontaktanzeigen ist er ein Top-Fang, dieser Wilfried W. aus Höxter. Er scheint ein Haus zu haben. Bestimmt rufen ihn viele Frauen an, sicher hat er viele Dates. Dass er in zehn Jahren mehr als 3000 Kontaktanzeigen geschaltet hat, in Zeitungen und im Internet, sogar in Zeitungen in Tschechien, das weißt du nicht. Dass siehst du ihm nicht an. Du siehst nur den Weg raus aus deiner Einsamkeit – und den passenden Typen: Wilfried Wagener. Deutschland bekommt Einblick in das Leben der Einsamkeit.

 

Und dann siehst du Fotos von Angelika W., seiner Frau. Und du erschreckst. Gegen sie ist er wiederum hübsch. Sie ist wie aus Stein gerissen, an ihr ist keine schöne Ecke zu finden, nicht einmal das Lächeln, denn sie lacht nicht, die gelernte Gärtnerin. Du kannst sie dir nicht als Kind vorstellen, nicht in einem Kleid, nicht auf Familienfesten, nicht als Mutter, nicht als Frau, nicht als Mensch. Sie ist so abscheulich hässlich, dass du dir wünschst, nie ein Bild von ihr gesehen zu haben. Du siehst sie an und musst weinen. Kein noch so grausamer Gott kann so eine Kreatur erschaffen. Und für einen kurzen Moment verstehst du einiges mehr von Wilfried W., und dass er nur zwei Möglichkeiten sah: Diese Kreatur zu verlassen, dann würde sie einsam vor sich hin versterben, wo auch immer, denn sie hat ja außer ihm: nichts - oder er würde sie schlagen müssen, sie müsse seine Wut darüber abbekommen, dass er mit ihr leben muss. Und sie würde ihn nicht verlassen, niemals. Sie liebt ihn, weil sie keine andere Liebe kennt. Sie wird viele viele Dinge ertragen, aber es ist alles besser als Einsamkeit. Schmerz ist ein kleines Übel im Vergleich zur Angst vor der Einsamkeit. Und so blieb Angelika W. bei ihrem Peiniger, suchte die Schuld bei sich: "Hätte ich mit ihm richtig gesprochen, keine Fehler gemacht, beim Sprechen ihn immer angesehen, dann wäre nichts passiert." Sagte sie vor Gericht. Sie war nicht gut genug für ihren Mann. Sie hätte es ja besser machen können. Es ist ihre Aufgabe, in zu befriedigen, und was ihn befriedigt, hat sie nicht zu beurteilen. Wenn er auf diese Dinge steht, muss sie es ihm geben. Wenn auch das nicht hilft, muss sie noch mehr ertragen. Nur verlassen, das wird sie ihn nicht. Es ist Liebe. Mach mit mir, was du willst, ich werde dich nicht verlassen und ich werde dir auch nicht die Schuld geben, ich werde weiter ertragen und dir danken, dass du mit mir hässlichem Stück Scheiße weiterhin zusammenlebst. Nur bitte, geh nicht weg von mir, ich wüsste nicht wohin, in meinem Alter, ohne dieses Haus. Und wenn du andere Frauen möchtest, ich werde dir helfen, vielleicht kannst du an ihnen deine Wut auslassen und ich wäre frei. Wäre das möglich?

 

Und dann sah man in den Zeitungen die Fotos der Frauen, der Opfer, der einen Getöteten aus dem Großraum Berlin. Sie sah etwas düster aus, als würde sie gerne geschlagen werden - aber nicht so, als würde sie gerne ermordet werden. Aber es war nur ein Foto, du kannst einen Menschen nicht beurteilen nach einem Foto. Auch sie war einsam, sie hat es einfach mal versucht bei Wilfried W., hat die angebliche „Schwester“ Angelika ignoriert – du weißt es ja nicht, du ahnst es ja nicht, dass sie gar nicht die Schwester von demjenigen ist, den du da kennenlernst. Deutschland bekam zu dieser Zeit auch Einblick in die Tiefen der Lüge. Wie einfach es sein konnte, zu lügen. Vielleicht wurde sie am Anfang gerne ein bisschen gequält, diese Frau, die nun tot ist, es gibt ja diesen Fetisch, jeder weiß das. Nur in den Filmen, die es darüber gibt, ist es ästhetisch: schlanke Frauen in Leder, Dominas, all das kennt man. Aber nicht so. Nicht dieses hässliche Schweinegesicht Wilfried W. und diese Kreatur von Schwester bzw. Frau, Angelika W., die dabei zusieht, wie er sich an irgendeiner durch eine Kontaktanzeige angelockten Frau vergeht. Das will niemand sehen und sich niemand vorstellen. Doch nun ist es öffentlich geworden und wir müssen uns es vorstellen. Und das ist gut so. Verfilmt werden wird es nie.

 

Es gibt so viele Details, angestaut in all den Jahren, sie werden niemals aufhören. Im Nachgang ist jedes Detail wichtig und von Bedeutung. Alles, was damals nicht mehr war als ein Dorfgeräusch, ist Jahre später eine Schlagzeile wert gewesen. Und die Leute haben die Online-Meldungen ordentlich angeklickt. Ich habe es fasziniert in der Redaktion verfolgen können. Der Krieg in Syrien schien gegen Wilfried W. und Angela W. bedeutungslos. Deutschland schien sich nicht für Assads Giftgasangriffe zu interessieren und wie viele Kinder dabei umkamen, sondern für dieses Haus, immer wieder dieses Haus im Saatweg 6, das ständig zu sehen war. „Die Falle“ titelte auch „Der Spiegel“ zu einem Bild von dem Haus in der Abenddämmerung. Die Deutsche Presse Agentur machte Luftaufnahmen. Niemand durfte es betreten, Ermittler in weißen Tyvek-Anzügen suchten darin nach jedem kleinen Hinweis. In dem Haus herrschte Chaos. Die Ermittler hatten viel zu tun. Kisten mit Krimskrams, mit Müll, vollgestellte Räume mit irgendwelchem Scheiß, den es zu entrümpeln galt. Journalisten haben sich um das Haus versammelt, wie Fliegen um die … ach, dazu später mehr. Ich war ja der Schlimmste von denen.

 

Und nach der Dachkammer und dem Anwalt hab ich den Lesern eine andere Nachbarin vorgestellt, die sagte, dass Angela W. ebenso grausam gewesen sei wie Wilfried W.. Die Leute wollen das lesen. Die Leute fasziniert das. Und ich hab den Lesern zu fressen gegeben, wie die Bestie von Höxter die Leiche in den Kamin gegeben hat: sukzessive und gründlich. Langsam und bewusst. Nichts durfte übrig bleiben. Und ebenso allmählich würde der Prozess zustatten gehen: Nach und nach wird die Wahrheit ans Licht kommen. Doch die Wahrheit gibt es schon lange nicht mehr, sie wurde mit verbrannt in dem Kamin, und jetzt geht es nur noch um die Darstellung und Wahrnehmung der Dinge.

 

Die Bestie von Höxter hat die Asche der ersten Leiche auf der Straße verstreut, als gerade Schnee lag. Ich stelle mir einen kalten Windhauch vor, der ein bisschen Leichenstaub mit sich nimmt und ihn verteilt, auf den Nachbardächern und vor der Schiebetür der einzigen Bäckerei im Dorf und über schlafende Katzen in den Hauseingängen. Die Polizei hat mit Spürhunden alles abgesucht, aber nichts gefunden von den Resten dieses Leichenstaubs. Bis heute gibt es keine Wahrheit, keine Spuren, dass das, was die Bestie von Höxter und seine Frau, also Ex-Frau, erzählen, auch stimmt. Nur ihre Aussagen sind da. Sonst war niemand dabei. Vielleicht haben sie die Leiche aber auch einfach irgendwo im Wald vergraben, verscharrt mit noch schlimmeren Verletzungen von noch schlimmeren Straftaten, als ihnen bisher nachgewiesen werden konnte. Vielleicht schweigen sich Wilfried und Angelika Wagener aus über den Ort, wo sie die Leiche, oder sogar noch mehr Leichen vergraben haben. Vielleicht geilt sich Wilfried W. daran auf, dass die Straftaten, die ihm nachgewiesen werden können, nichts sind im Vergleich zu dem, was er wirklich getan hat. Wenn eine Wahrheit schlimm genug ist, fragst du nicht mehr nach der nächsten. Vielleicht war sie schwanger, diese Leiche, die da noch im Wald vergraben liegen könnte. Vielleicht soll genau das vertuscht werden.  

 

Noch habe ich ihn nicht live gesehen, noch dauert es, die Anhörung verspätet sich. Alle Plätze sind belegt, draußen lungern noch mehr Journalisten. Bis heute finden sich Frauen, die sich zu ihm zurückwünschen. Die Bestie bekommt Liebesbriefe im Knast. Ja, Liebesbriefe. Auf den neueren Fotos, er ist immer noch auf allen Titelseiten, hat er sich schick gemacht, sieht gepflegt aus, er ist ja immerhin vor Gericht. Es war der erste Tag im Amtsgericht Paderborn, die erste Runde im „Prozess um das Horror-Haus“. Wilfried W. sah aus, als habe er sogar Sport getrieben im Knast, als habe man ihm einen Berater zur Seite gestellt im Knast. Eine neue Brille, eine neue Lederjacke, ein neuer Haarschnitt. Er hat Frauen benutzt, ausgenommen, vergewaltigt, gequält und getötet – und noch immer ist die Einsamkeit da draußen so groß, dass sich Frauen zu ihm wünschen, dass sie sich genau das wünschen: Lieber von ihm gequält werden als einsam zu verwesen. Obwohl er keine Kontaktanzeigen mehr schaltet, melden sich die Frauen bei ihm, schreiben im Liebesbriefe in den Knast, wo er vermutlich den Rest seines Lebens verbringen wird. Lieber ihm das Leben geben als der Kirche. Lieber seine Leiche sein im Kamin als als Leiche in der verwaisten und toten Wohnung gefunden werden.

 

 

Und jetzt sitze ich hier, im Landgericht Paderborn und fühle mich wie Hannah Arendt, die Josef Eichmann zum ersten Mal sehen wird. Die Fotografen sind bereit: wie wird Wilfried W. diesmal aussehen? Trägt er wieder seine schwarze Lederjacke, für die es vor Gericht eigentlich viel zu warm ist. Und Angela W.? War sie vielleicht mal beim Friseur? Die Tür öffnet sich und ein Gerichtsdiener verkündet, dass die Verhandlung um drei Tage verschoben werden muss: Der Angeklagte Wilfried W. sei erkrankt.